— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wild Tigers I Have Known

USA 2006. R,B,S: Cam Archer. K: Aaron Platt. M: Nate Archer. P: Cut and Paste Films. D: Malcolm Stumpf, Fairuza Balk, Patrick White, Max Paradise u.a.
88 Min. Edition Salzgeber ab 12.6.08

Wichsfigurenkabinett

Von Jakob Stählin Das Für-sich-Sein im Film ist rar und häufig schwierig darstellbar. Gesellschaftliche Verhaltensweisen fallen bis zu einem gewissen Grad ab, und der Interessensfokus richtet sich auf die Gedanken der porträtierten Figur. Nun liegen diese allerdings meist im Spektrum dessen, was mit handlungsorientierten Szenen nur bedingt darstellbar ist – denkbar wären etwa Voice Overs, klare Gefühlsausbrüche oder Close Ups auf Kleinigkeiten. In Glücksfällen vollbringen Schauspieler das Kunststück, allein mit ihrem Gestus die Charakteristika ihrer Rolle auf den Punkt zu bringen; man erinnere sich an Billy Bob Thorntons ersten Blick in The Man Who Wasn’t There: »Der Fremde« Camus’ sprach daraus (was im weiteren Filmverlauf bestätigt werden sollte). Das Gefühl, einer unter vielen, ein Zahnrad in was auch immer zu sein ist aufgrund seiner gesellschaftlichen Allgegenwärtigkeit filmisch zigmal und variantenreich beleuchtet worden. Etwa von Todd Solondz, der seine Figuren noch mehr haßt als diese sich selbst und dadurch jeglichen Filter vor deren intimen Abgründen verbietet; jedoch stets in einem bezugsnahen, verständlichen Rahmen bleibt, der aufgrund seines Identifikationspotentials Durchschlagkraft entwickelt. Grob gesagt: Wer etwas zu sagen hat, möchte verstanden werden (oder besser: interpretiert werden).

Wild Tigers I Have Known eröffnet mit einer Einstellung auf den 13jährigen Logan, der auf einer Couch zu den Bildern einer Ringkampfübertragung onaniert. Die Richtung ist also zunächst klar: Das große pubertäre Gefühlschaos für einen wohl homosexuellen Teenager in einer Phase, in der es »normale« Kinder schon schwer haben. Mittzwanziger-Regisseur Cam Archer, der auf diversen Filmfesten mit biographischen Kurzfilmen über die verstorbenen Jungschauspieler Jonathan Brandis und River Phoenix für einige verärgerte Zuschauer sorgte, inszeniert seinen ersten Langspielfilm sehr bewußt durchkomponiert, doch immer bieder, und obgleich ihm ein großes Talent für ästhetische Komposition gegeben ist, springt Wild Tigers I Have Known recht beliebig von Unsicherheit zu Unsicherheit des Protagonisten. Die szenenhafte, visuell überladene Darstellung verwirrt zunächst, ehe man sich nach etwa einer halben Stunde von dem Gedanken an eine klare narrative Struktur verabschiedet hat; aber klar: Die Entdeckung bislang unbekannter Gefühle stellen den Heranwachsenden stets vor Rätsel, und in jener speziell prekären Phase der Adoleszenz gewinnt die Fülle an Neuem bisweilen die Überhand, bahnt sich ihren Weg nach innen und außen. Sexuelle Erfahrungen haben hierbei, trotz ihrer genetischen und gesellschaftsevolutionären Gleichförmigkeit (und somit Formulierbarkeit), einen gesonderten Stellenwert; sowohl für das erfahrende Individuum als auch für den beobachtenden Dritten. Intimität ist – wenn auch nur partiell – aussprechbar. Jedoch niemals in Gänze, denn dies widerspräche dem ihr innewohnenden Kern der Individualität.

Der als Produzent fungierende Gus van Sant ist bekannt für seinen filmischen Fokus auf eben jene Altersklasse, die fernab des gesetzten, im Leben stehenden Menschen ihren Platz sucht. Mitte der 1990er Jahre produzierte er bereits den kontroversen Kids und leitete damit nicht nur die Karriere des zweifelhaften Regisseurs Larry Clark, sondern vor allem die des Filmemachers Harmony Korine ein, der wenig später mit seiner Pseudo-Doku Gummo einen echten Genreklassiker veröffentlichte.

Cam Archer nun zeigt – wie van Sant in vielen seiner Werke – ebenfalls die vermeintlich kleinen Momente auf, setzt den Fokus dabei allerdings lediglich auf deren direkte Reflektion denn auf offene Beobachtung. Gefühls- und Gedankenwelten direkt, ohne bezugsnahe Szenerien, zu verbildlichen ist ein Unterfangen, wie es häufig in der (Museums-)Kunst zu beobachten ist. Diese genießt in der kulturellen Gegenwart einen Status, der aufgrund seiner Medialisierung nahezu als Pop eingestuft werden kann. Was einst eher in Museen als Videoinstallationen zu sehen war, ist längst im Mainstreamkino salonfähig geworden, und Archer setzt in seinem Erstling auf artverwandte visuell beeindruckende Kargheiten. Additive Überblenden von Farbflecken auf weißgeschminkte Gesichter zu stoischer Musik: Doch diese Effektspielereien, die jedem Amateurfilmer aus den gängigen Programmen bekannt sein dürften, verraten die Darstellung Logans hervorquillender Sexualität, denn die angestrebte visuelle Andersartigkeit ist unterm Strich lediglich eine vertuschte Beliebigkeit. Das verfehlte Resultat, konkret Gefühle zu verbildlichen, erstickt jeglichen Interpretationsfreiraum: Logan in einer Totale als einziger am Rande eines Beckens in dem massig Menschen schwimmen; Logan in einem Halb-Close Up wie auf einem Rollband durch den Schulkorridor schwebend, während die Routine an ihm vorbeirauscht.

Dinge beim Namen nennen zu können ist eine dem Regisseur ebenso wenig gegebene Gabe wie seinem Protagonisten, der von seiner gänzlich überforderten Mutter gleichermaßen unverstanden bleibt wie von seinem besten, weil einzigen, Freund Joey, der an einer zweifelhaften, aber amüsanten, Liste mit dem Titel »Ways to be cool« arbeitet. Schlagwortartig trägt er Eigenschaften von anderen Gleichaltrigen zusammen, denen es besser zu gehen scheint: Motorrad, Fremdsprachen sprechen, extrem sein, etc. Doch Archers kapitalster Fehler ist ebenso naiv klischeehaft wie die aufgelisteten Stichpunkte der eigenen Generation – er deklariert die Individuen der anderen zu einer Masse aus Gleichförmigkeit, deren psychologischer Einfluß auf Logan nicht stattfindet. Es fehlt schlicht ein solider narrativer Kontext, der als Basis für ein derart verkopftes Reflektionsmassaker funktioniert hätte. 2008-06-06 14:36
© 2012, Schnitt Online

Sitemap