— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

You Kill Me

USA 2007. R: John Dahl. B: Christopher Markus, Stephen McFeely. K: Jeffrey Jur. S: Scott Chestnut. M: Marcelo Zarvos. P: Code Entertainment, Bipolar Pictures u.a. D: Ben Kingsley, Téa Leoni, Luke Wilson, Dennis Farina u.a.
92 Min. Neue Visionen ab 12.6.08

Buffalo Soldier

Von Daniel Bickermann Frank ist einer von denen, die sich nicht drum scheren, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, solange nur die richtige Flüssigkeit drin schwimmt. Der Mann kommt aus Buffalo, das ist eine Art Gütesiegel für harte Jungs, er ist Profikiller für eine polnische Verbrechergruppe, und Ben Kingsley spielt ihn als versoffen brabbelnden Grobian mit dröhnendem Dickschädel und einer zunehmend enttäuschenden Arbeitsmoral. Die darauf folgende Geschichte um den Berufsverbrecher, der von seinem Boß zu den Anonymen Alkoholikern geschickt wird, hört sich schlimmer an als sie ist. Regieveteran Dahl und sein durchweg grandioses Ensemble lassen grenzzynische Kicherfilmchen wie Grosse Pointe Blank oder Reine Nervensache hinter sich und bauen zu beschwingter Ziehharmonika- und Zithermusik eine etwas konstruierte, aber in den wichtigen Punkten immer ehrliche Narrative auf.

Es ist eine Komödie der Kontraste auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig: Zwischen dem verschneiten Buffalo und dem sonnengesättigten San Francisco, zwischen dem rauhbeinigen Gossenkiller und den reichen Selbsthilfesuchern, zwischen Franks horrendem Beruf und seinem scheinbar banalen Geständnis: »Ich bin ein Alkoholiker.« Das Angenehme an You Kill Me ist die Tatsache, daß das Drehbuch diese Widersprüche nicht um der Komik willen gegeneinander ausspielt, sondern ehrlich miteinander zu versöhnen sucht. So wird aus einem schwer verdaulichen Verbrecherfilm eine grüblerische Familienkomödie – nur daß eben die »Familie« ausschließlich aus polnischen Männern mit Knarren besteht.

Zwischendrin läßt Dahl eine ganze Reihe herrlich ambivalenter Nebenfiguren aufmarschieren, von Bill Pullmans schmierigem Brillenträger über Luke Wilsons schwulen Ex-Alki, der Frank in einer Welt der Eso-Phrasen und Jammerlappen noch der glimpflichste Umgang zu sein scheint, bis zu Téa Leonis wunderbar verspielter Zufallsbekanntschaft. Die Romanze zwischen diesen beiden Figuren kann deswegen überzeugen, weil Leoni eben nicht als nette Frau von nebenan inszeniert wird, die plötzlich das Killen gar nicht mehr so schlimm findet, sondern weil sie sich als knallharte Geschäftsfrau in Frank und seinen Methoden wiederfindet – und sich ebenso wenig dafür schämt wie er. Erstaunlich, wie Dahl daraus trotz moralischer Verfänglichkeit eine funktionierende und, ja, auch ergreifende Beziehung bastelt.

Den schwierigsten Seiltanz meistert der Film aber in den AA-Szenen in San Francisco, wo die nackten Emotionen und die demonstrative Solidarität bei Frank anfangs nur eine von Kingsley hinreißend gespielte und sehr lustige Desorientierung hervorrufen. Hier lernen wir auch, paradoxerweise, den Hauptcharakter zu schätzen: Franks sympathischste Eigenschaft ist seine gnadenlose Ehrlichkeit. Die blumigen Floskeln seiner Mitmenschen lösen kleine Blitze in seinem Hirn aus, man sieht ihn förmlich zusammenzucken. Zu seinem Glück stellt er später fest, daß man in Big Bad Buffalo selbst bei den Treffen der AA angehalten wird, gefälligst nicht zu lange rumzujammern. Endlich zuhause. 2008-06-06 14:31

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap