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Jagoda im Supermarkt

Jagoda u Supermarketu. YU/D/I 2002. R,B: Dusan Milic. K: Petar Popovic. S: Svetolik Mica Zajc. M: Nelle Karajlic, Dejan Sparavalo. P: Pegasos, Rasta Int. Films. D: Branka Katic, Srdjan Todorovic, Dubravka Mijatovic, Danilo Lazovic, Goran Radakovic u.a.
92 Min. Pegasos ab 18.9.03

Guerilla der Kassenschlange

Von Achim Wetter »Smile, I want a big smile, honey! If you don’t want to. There are those who do!« lautet der unmißverständlich Befehl der Geschäftsführerin bei der Eröffnung des pompösen »Yugo-American-Supermarket« im Herzen Belgrads. Klar, daß sich auch die meisten Kunden im ganz realistisch bis ins Groteske überzeichneten, rot-weiß-blauen Konsumtempel als echte Fremdkörper ausmachen. Und so trotzig, wie sich die jungen Kassiererinnen den Anweisungen ihrer Chefin auch beugen, so hemmungslos zickig richtet sich ihr Widerwille in giftigen Bemerkungen gegeneinander oder ergießt sich über die willenlose Konsumentenherde. Der blonden Romantikerin Jagoda und ihrer durchtriebenen Kollegin bleiben da nur ihre Träume vom schönen, starken und reichen Helden, der sie aus ihrem entfremdeten Dasein errettet.

Wie es der Zufall so will, stellt der Autor und Regisseur Dusan Milic dafür auch zwei männliche Charaktere bereit, ohne sie allerdings mit den von den Mädels gewünschten Attributen auszustatten. Und dennoch geraten sich Jagoda und Ljubica in die Haare, als Ljubicas Nachbar, Held Nummer Eins, in der Kassenschlange auftaucht. Das Luder gewinnt die Schlacht um die abendliche Verabredung und verdonnert Jagoda auch noch zur Endabrechnung. Als kurz vor Ladenschluß ein altes Mütterchen erscheint, um eine Schale Erdbeeren für die Geburtstagstorte ihres Enkels zu erstehen, reißt Jagodas Geduldsfaden und sie wiegelt die alte Dame äußerst unsanft ab. Grund genug für den Enkel, Held Nummer Zwei, am folgenden Tag mit einem Maschinengewehr bewaffnet in den Supermarkt zu stürmen und das blitzblank gewienerte Einkaufsparadies komplett in Schutt und Asche zu legen. Die Belegschaft wird als Geisel genommen und im Namen der Gerechtigkeit für Oma ein faszinierendes Karussell der Unverhältnismäßigkeit in Gang gesetzt, das Jagoda im Supermarkt zu einem der sehenswertesten Filme dieses Jahres macht.

Zu Beginn stehen noch die zaghaften Annäherungsversuche finanziell wie emotional völlig überforderter Menschen im Vordergrund, die mit den denkbar furchterregenden Auswüchsen des amerikanischen Konsumterrors ihre ersten Erfahrungen machen. Vom Zeitpunkt des Überfalls an wandelt sich die Story jedoch zum Freudenfest individueller Auflehnung. Ohne konkrete Forderungen verschanzt sich der ebenso eloquente wie sympathische Kriegsveteran, um schon nach kürzester Zeit von den Gefühlsausbrüchen seiner weiblichen Geiseln vollkommen überfordert zu sein. Höchste Zeit also für Jagoda, ihren wilden Prinzen für sich zu gewinnen.

Mit entfesselter Kamera und anarchischen Bildkompositionen nähert sich Dusan Milic seinen Figuren. Die schnellen Schnitte, das ungestüme Bildvokabular und die konsequente räumliche Beschränkung des Handlungsraumes verdichten sich dabei zum hochexplosiven Sprengsatz. Nicht von ungefähr verweisen die filmischen Mittel, vor allem aber die unverkennbare Blasmusik, ganz offen auf den Einfluß Emir Kusturicas, der nicht nur als Produzent fungierte, sondern auch eine kleine Nebenrolle übernahm.

Ähnlich wie Kusturica hantiert Milic mit höchst eigenwilligen Figurentypen und läßt diese in ihrer ganzen Verschrobenheit aufeinanderprallen. So wird der polizeiliche Einsatzleiter zum Abziehbild eines überzeugten Demokraten, der den Konflikt im friedlichen Dialog, mit taktischen und psychologischen Mitteln zu lösen versucht. Der Leiter des militärischen Überfallkommandos hingegen drängt als demagogischer Konservativer zum schnellen, gewaltsamen Sturm ohne Rücksicht auf Verluste. Daß die Vertreter der »alten« und der »neuen« Gesellschaftsform letztendlich gemeinsam eine erfolgreiche Strategie entwickeln, veredelt diese äußerst sehenswerte, sehr temporeiche jugoslawische Komödie zur hoffnungsvollen Allegorie. 2008-06-05 10:56

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