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Lenin kam nur bis Lüdenscheid

D 2008. R: André Schäfer. B,D: Richard David Precht. K: Bernd Meiners, Tom Kaiser. S: Fritz Busse, Martin Schomers. M: Ritchie Staringer. P: Florianfilm.
88 Min. W-Film ab 5.6.08

Ein autofiktionaler Dokumentarfilm

Von Oliver Baumgarten Das Grundkonzept dieses bunten und quellenreichen Dokumentarfilms ist durchaus ein besonderes: Ein Ich-Erzähler legt dem geneigten Zuschauer sein Leben als Sohn eines klassischen 68er-Paares dar. Dieser Ich-Erzähler ist jedoch kein fiktiver, also ein anonymer Irgendjemand aus den Reihen aller Kinder von 68er Paaren, nein, dieser Ich-Erzähler ist der Regisseur selbst. Dieser Film, so behauptet also Regisseur Richard David Precht wie er es zuvor bereits bei seinem gleichnamigen Buch getan hatte, erzähle dessen Jugendzeit inmitten der revolutionären Diaspora von Solingen. Und tatsächlich möchte man ihm das gerne glauben, und zwar nicht nur, weil der allgegenwärtige Offkommentar so sympathisch und humorvoll getextet ist, sondern vor allem auch wegen der Bildebene. Hier nämlich bildet altes und neugedrehtes Super8-Material aus der familiären Umgebung das Zentrum der Erzählung, den rotstichigen Faden sozusagen, anhand dessen wir den Protagonisten und seine Familie kennenlernen. Geschickt dazumontiert werden überdies aktuelle Aufnahmen des Protagonisten, wie er sich zum Beispiel mit seinen Geschwistern trifft und sich in zum Teil höchst amüsanter Weise über die damaligen Verhältnisse unterhält. Diese beiden Quellen zusammengenommen bilden also die persönliche, die autobiographische Ebene. Doch wissen wir aus dem Bereich der Literatur natürlich, daß es eine Autobiographie im eigentlichen Sinne freilich gar nicht geben kann, bei Bildern schon gar nicht, weshalb der schöne Begriff der Autofiktion geprägt wurde, der wiederum bestens das beschreibt, was Richard David Precht in Lenin kam nur bis Lüdenscheid gelingt: ein autofiktionaler Dokumentarfilm. Sozusagen ein Autobiopic.

Die dritte Bildebene, aus der dieses Autobiopic zusammengesetzt ist, stellt unterschiedlichstes Archivmaterial aus jener Zeit dar – ein historischer Bilderreigen aus provinziell und weltpolitisch bedeutenden Momenten, zum Teil wunderschön bearbeitet und auch in seiner Montage immer mit einem ironischen und kritischen Unterton bedacht. Auf dieser visuellen Grundlage rollt der Offtext nun die Geschichte der 68er-Generation aus kindlicher Perspektive auf, was zwangsläufig in einigen Momenten dazu führen muß, daß in der verallgemeinernden Ironisierung jener Zeit ein sehr herablassender, gar geringschätziger Unterton mitschwingt. Genau dies aber sind die Momente, in denen der Film von jener Personalisierung, dem vermeintlich Autobiographischen, enorm profitiert, und es darf als Leistung von Offtext und Montage gelten, daß jene fürs Gelingen des Films entscheidende Balance zwischen Pauschalisierung und subjektivem Kommentar durchgängig gehalten wird.

Insgesamt ist Lenin kam nur bis Lüdenscheid nicht sehr viel mehr als ein großer, aber intelligenter Spaß – immerhin, von den meisten anderen Beiträgen zum 40jährigen 68er-Jubiläum kann man nicht einmal das behaupten. Daß die heutige Gesellschaft in Deutschland vom Bierernst und von dieser einzigartigen politischen Konsequenz der 68er enorm profitiert hat, das weiß schließlich auch Richard David Precht. Denn er nimmt seine Eltern (nicht zuletzt auch, weil er die Folgen ihrer Erziehung durchlitten hat) in Wahrheit sehr ernst – andernfalls hätte er sich auch nicht so schön über sie amüsieren können. 2008-05-30 15:26
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