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Standard Operating Procedure

USA 2007. R: Errol Morris. K: Robert Chappell, Robert Richardson. S: Andy Grieve. M: Danny Elfman. P: Participant Productions, Sony Pictures Classics.
118 Min. Sony Pictures ab 29.5.08

Böse Bilder

Von Mark Stöhr Zur legalen Verhörpraxis in einem amerikanischen Militärgefängnis zählen folgende Methoden: einem Delinquenten eine Kapuze über den Kopf ziehen, ihn auf einen wackligen Karton stellen, Drähte an den ausgestreckten Armen, und ihn so glauben lassen, jede Bewegung bewirke einen Stromschlag. Man darf ihn auch stundenlang in einer schmerzhaften Haltung an ein Bettgestell fesseln oder sein Gesicht mit einem Damenslip bedecken: »Standard Operating Procedure«. Verboten ist hingegen, Gefangene nackt zu einer Pyramide zu türmen oder an einer Leine über den Boden zu schleifen: »Criminal Act«. In keinem Fall darf man jedoch Fotos von den Verhören machen, gleich welcher Art, und sie schon gar nicht in die falschen Hände geben. Die Ehre der Nation steht auf dem Spiel.

2004 gingen die Bilder aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib nahe Bagdad um die Welt. Ein gigantischer Skandal, der Präsident mußte sich entschuldigen, die Bildermacher wurden zu teils mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Errol Morris zeigt die Bilder in riesenhafter Vergrößerung, zeigt sie immer wieder. Uns, die wir sie schon kennen, den Verurteilten, die sie gemacht haben, und denen, die drauf sind, wenn sie denn noch leben, und deren Angehörigen. Er sucht in ihnen nichts weniger als die Wahrheit. Behauptet er. In Wirklichkeit hat er seine Wahrheit schon längst gefunden und simuliert einen Rechercheprozeß, der auf Schock setzt statt auf Analyse und eine aggressive Gefühlspolitik betreibt, welche die tatsächliche humane Katastrophe entwirklicht und in ein filmisches Schreckensszenario überführt. The American Way of Dokumentarfilm: Errol Morris gehört zu seinen prominentesten Beschreitern.

Die Täter von damals, zumeist einfache Gefreite, werden zur Zeitzeugenschaft gebeten. Sie erzählen Geschichten von Überforderung, Gehorsam, Langeweile und sexueller Abhängigkeit und Obsession. Die Fotos, auf denen sie teilweise in stolzer und hämischer Pose zu sehen sind, sind private Souvenirs, mit denen später trinkselige Veteranenabende bestritten werden sollten. Ihre Existenz speist sich aus der sexualisierten Bilderkultur der westlichen Welt, ihre Ästhetik folgt offen pornographischen Vorbildern. Das interessiert Morris nur da, wo es punktuell ist und plakativ. Eine zu weitreichende Beschäftigung mit der vergifteten kulturellen und moralischen Mentalität, die dafür den Boden bereitet, hätte zu sehr an die Grundfesten der Nation und seine eigenen gerührt. Auch das System, das hinter der ungeheuerlichen Verhörpraxis steckt, bleibt nur spekulatives Geraune. Seine eigentlichen Ingenieure und Vordenker treten nicht auf. Wahrscheinlich hat sie Morris nicht bekommen, vielleicht wollte er sie auch gar nicht haben. Ihm reicht das Resümee: Die Großen läßt man laufen, die Kleinen kriegt man dran. Was für eine Bankrotterklärung einer millionenschweren Investigation.

Errol Morris will kein kleinliches Aufrechnen, er will die große Oper. Wie ein Feldherr schreitet er durch seine dröhnenden Horrorlandschaften und gibt sich dabei mit den bestehenden Aufnahmen nicht zufrieden. Er erfindet neue Bilder hinzu, bewegte, mit großem Aufwand inszeniert. Sie zeigen das, was nur die Täter sehen konnten. Damit geht Morris den pornographischen Weg, den das Ausgangsmaterial vorzeichnet, zu Ende und kündigt den Vertrag einer Ethik der Bilder. In einer Szene stellt er das Verschwindenlassen eines Häftlings, der bei einem der Verhöre gestorben ist, nach. Der namenlose Iraker stirbt seinen zweiten Tod, einen Filmtod. Gierig fährt die Kamera am raffiniert geschminkten Körper seines fiktiven Wiedergängers entlang. Was die Folterer vielleicht noch nicht einmal mit der physischen Vernichtung geschafft haben, setzt der Film endgültig ins Werk: den Raub eines Restes an Würde. Das ist die Geilheit auf das letzte Bild. Sie ist eine Schwester der Geilheit, das Letzte zu tun. 2008-05-22 13:44

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