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Things We Lost in the Fire

USA 2007. R: Susanne Bier. B: Allan Loeb. K: Tom Stern. S: Pernille Bech Christensen, Bruce Cannon. M: Johan Söderqvist. P: Dream Works Pictures. D: Halle Berry, Benicio Del Toro, David Duchovny, Alison Lohman, Robin Weigert, John Carroll Lynch, Paula Newsome, Maggie Ma, Omar Benson Miller, Liam James u.a.
Universal ab 29.5.08

Schöner Leiden

Von Kyra Scheurer »Accept the good«, predigt der vom Anwalt zum Junkie verkommene Jerry seinem alten Freund Brian, der ihm gegen den Willen seiner Frau durch Dick und Dünn die Treue hält. Brian aber hat eigentlich vom Guten das Beste: Eine liebende Frau, die so schön ist wie die Männerfantasie Halle Berry, zwei lebhaft-kreative Bilderbuchkinder, einen freundlichen Joggingpartner in der Nachbarschaft und ein selbst entworfenes Traumhaus à la »Schöner Wohnen«. Und auch Brian selbst ist ein wahrer Heiliger. Dementsprechend stirbt er nicht nur den Heldentod beim Versuch, eine bedrohte Frau zu retten, er reißt auch eine kaum zu ermessende Lücke ins Leben seiner Familie. Warum seine Frau beschließt, daß ausgerechnet Jerry diese Lücke füllen soll – das bleibt das große Rätsel dieses Films.

Erzählt werden die ersten zwanzig Minuten nonlinear vom Zeitpunkt von Brians Begräbnis aus, in Bruchstücken gleich den Erinnerungsfetzen der Hinterbliebenen. Je mehr aber Jerry an Einfluß auf den Haushalt der Familie Burke gewinnt, desto konsequenter kehrt der Film zum traditionellen Erzählen zurück. Zurecht: Denn der von Benicio del Toro verkörperte Jerry ist das einzig wirklich Sehenswerte in dieser Hochglanzidylle, die die dänische Regisseurin und Dogma-Veteranin Susanne Bier hier in ihrem Hollywooderstling kreiert. Del Toro verfügt in seiner Rollengestaltung des dem toten Freund zuliebe auf Entzug gehenden, zum Ersatzvater mutierenden Junkies über eine ungewöhnliche Form nachhaltiger Präsenz. Ein seltsamer Vergleich drängt sich im Erleben dieses charismatischen Darstellers auf: Die hintergründigen Blicke voller Weisheit und Wärme, die Art, alles mit einem Schimmer trauriger Selbstironie zu versehen und schamlos zu übertreiben, groteske Grimassen ziehend einmal weniger nicht mehr sein zu lassen und diesem »Mehr« eine unvergleichliche subtile Würde zu verleihen – das kennt man aus Filmen, die Dogma praktizierten lange bevor das exportfähige Label erfunden war, das hat man gesehen bei Gena Rowlands in den Filmen ihres Mannes John Cassavetes. Von der Ehrlichkeit und Authentizität eines Cassavetes-Films allerdings kann Things We Lost in the Fire ansonsten nur träumen. Auch wenn man gegen Ende unweigerlich ergriffen ist von den Reaktionen der Kinder auf Jerry, auch wenn der Subplot um Nachbar Howard und die Rückblenden-Männerfreundschaft von Jerry und Brian in ihrer pathosfreien Lakonie wirklich anrühren, die zentrale Geschichte, die Annäherung und Abstoßung von Benicio del Toro und Halle Berry glaubt man einfach nicht. Die Dramaturgie ist letztlich – trotz des für Hollywood ungewöhnlichen Endes – die eines ambitionierten TV-Tränendrüsen-Melodrams, die Kamera mit ihren extremen Close Ups auf eheberingte Hände oder Tränen in Augenwinkeln beschädigt eher die Glaubwürdigkeit als die angestrebte Intimität herstellen zu können. Auch Susanne Biers zentrales Thema, die Reaktion von Menschen auf plötzliche Schicksalsschläge, ist diesmal zu glatt und zu ausgestellt in Szene gesetzt, um eine echte Anteilnahme jenseits des Popcorn-Weepies hervorzurufen. Das durch Jerry in die Trauerarbeit integrierte, aufdringlich präsente Familiencredo der Burkes, »Accept the good«, müßte angesichts der Oberfläche dieses Mittelklasse-Dramas also für den Zuschauer eher lauten: »Akzeptiere das Mittelmaß«. 2008-05-26 11:44

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