— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Funny Games U.S.

USA 2007. R,B: Michael Haneke. K: Darius Khondji. S: Monika Willi. M: Kevin Thompson. P: Celluloid Dreams, Dreamachine, Halcyon Pictures, Tartan Films, X-Filme. D: Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt, Brady Corbet, Siobhan Fallon, Boyd Gaines, Devon Gearhart, Robert LuPone, Linda Moran u.a.
112 Min. X Verleih ab 29.5.08

Play it again, Michael

Von Jakob Stählin Nach Feierabend wird in Kneipen gerne diskutiert. Wenn man es denn so nennen kann. Eigentlich sagt jemand etwas, ein anderer nickt, und meist sind sich alle einig. Es wird geschimpft, was das Zeug hält, denn zu kritisieren gibt es, neben der eigenen Frau, dem Chef und bei steigendem Alkoholpegel gar den Mitbürgern mit Migrationshintergrund, natürlich immer die Jugend. Diese Meute mit ihren Musikhandys nervt gewaltig und tut nix; sitzt vor ihren PCs und zockt sich durch gewaltverherrlichende Egoshooter. Klar. Diese Thekenweisheiten erfreuen sich großer Beliebtheit und werden im Falle einer Schreckenstat, wie einst in Erfurt, gerne als Einladung zum Aktionismus herangezogen. Damals hatte die Band Slipknot – eine Kapelle der härteren Gangart – für ein paar Wochen MTV-Verbot. Der Rattenschwanz, den der völlig veraltete, weil eindimensionale, Begriff der »Schuld« nach sich zieht, ist gespickt von Ursachen, die meist banal sind, jedoch in der Masse Wirkung zeigen. Im Schulterklopfkino funktioniert das ähnlich. So fühlt sich der Konsument seichter Sozialkritik aufgrund kleiner Gemeinsamkeiten betroffen und verständnisvoll, doch der Bösewicht steht auf der Spitze des Eisbergs, wo ihn jeder sehen kann. Es gestaltet sich daher leicht, gewaltbeinhaltende Medien als Sündenbock für Verbrechen zu verwenden, die offenkundig aus Problemen resultieren, die sehr viel tiefer wurzeln: »Überdruß und Weltekel«.

Der Weckruf, der immer wieder zu hören ist, in Form von bildzeitungsartigen Pauschalisierungen wie dem Begriff der »No Future Generation«, will einerseits politische Mißstände, aber auch die Gemeinten selbst kritisieren, die gefälligst mal den Arsch hochkriegen sollen. Daß hinter solchen Aussagen eine sich selbst erfüllende Prophezeihung steht, sollte eigentlich klar sein, ist es aber keineswegs. Michael Haneke hat in seinem 1997er Film Funny Games das Thema des Überdrusses behandelt. Zwei unnahbare Killer von nebenan, die mal eben eine Familie in umgekehrter Hierarchie foltern und töten, personifizieren den modernen, satten Menschen, dem seit früher Kindheit die Horrorgeschichtchen aus Boulevardfernsehformaten sowie Filmen zugänglich sind. Mit direkter Adressierung des Zuschauers als dem Unterhaltenen schieben die Täter den Schwarzen Peter unmißverständlich weiter – und spätestens jetzt würden in der Kneipe die Fetzen fliegen. Ironischerweise ließ die Videothekengeneration Hanekes Holzhammerschrei außerhalb der deutschsprachigen Länder weitestgehend im Regal stehen, und so verhallte sein Echo in den österreichischen Alpen. Haneke jedoch kann lauter brüllen, möchte seine Anti-Gewalt-Botschaft auch auf den nordamerikanischen Kontinent bringen, für den sie einst eigentlich gedacht war. Mit einem Warner Bros.-Megaphon, Naomi Watts als Produzentin und Hauptdarstellerin im Gepäck zerlegt Haneke nun in derselben perfiden Weise eine amerikanische Familie: shot by shot. Doch sein Remake ist eigentlich keins. Trotz abweichender Nuancen und sprachlich eingeforderter marginaler Unterschiede ist es schlichtweg derselbe Film. Es ist eine Neuauflage im wörtlichen Sinne mit dem Attribut »U.S.«. Michael Pitt gibt als tonangebender Killer eine eiskalte Vorstellung, die sich von der Arno Frischs zwar unterscheidet, aber im Gesamten nichts tut. Überhaupt sind die schauspielerischen Darbietungen äquivalent. Der reißerisch geschnittene Trailer sowie die Plakatzeile »Shall we begin?« sind als Kampagne eigentlich recht klug, doch der unwissende Rezipient ist rar gesät, und die Tatsache, daß die Neuauflage von Warners Independent-Abteilung vertrieben wird, trägt natürlich auch zu dem nichtangestrebten Arthouse-Ruf bei. Der gesunde Zuschauer wird sich, läßt er sich auf das Kammerspiel Funny Games oder Funny Games U.S. ein, nach der Sichtung schlecht und leer fühlen oder, sofern er es distanziert betrachtet, als faszinierendes Experiment einordnen. Denn handwerklich sind beide Versionen ein absoluter Genuß. Es stimmt alles. Keine Einstellung ist fehl am Platz, jeder der spärlichen – haneketypisch diegetischen – Musikeinsätze ist auf den Punkt genau plaziert.

Imitationen sind im künstlerischen Kontext Alltag: Otto Waalkes’, Loriots und Karl Valentins Politikerreden voller inhaltsloser Halbsätze sind zwar jeweils dem zeitgeschichtlichen Rahmen angepaßt, jedoch im Grunde gleich. Haneke dagegen entschied sich für die Replik, die penibel aus den Puzzlesteinen des Originals zusammengefügt wurde. Die Neugier ergibt die erdrückende Faszination von Funny Games U.S.. Man begibt sich erneut in den dunklen Kinosaal, und es ist erneut schrecklich. Nach zehnjähriger Reflektionszeit auf Änderungen zu verzichten, verschärft das nun glasklare Anliegen erneut und bringt es selbst dem erfahrenen Kinogänger, der bei platten Botschaften eigentlich dankend abwinkt, schmerzlich nahe. Hier wird die Stagnation mit eigenen Mitteln herausgefordert, wie einst Gewalt mit Gewalt. Die Jugend von heute war schon immer die schlimmste, »trägt schwer an der Leere der Existenz«, und daß Wiederholungen funktionieren, ist nicht nur den Medien, sondern auch den selbsternannten Erziehungsberechtigten wie Michael Haneke bewußt. Übersättigung ist das Rezept und der Kritikpunkt zugleich: Worte, die stammtischartig ihre Bedeutung verlieren, ebenso wie mediale Grausamkeiten, die Alltag werden, sind gesellschaftliche Kollateralschäden; und hätte man deren Früchte im filmischen Kontext variiert, wäre man selbst zum Feind geworden. Eine solch konsequente Dringlichkeit muß ernstgenommen werden, und auch die deutschen Zuschauer werden wohl eher die neue Version als die alte in den Kinos und Wohnzimmern dieser Welt sehen: ein vielschichtiges Meisterwerk im arrogantesten Sinne. 2008-05-26 11:50

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap