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Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull. USA 2008. R: Steven Spielberg. B: David Koepp. K: Janusz Kaminski. S: Michael Kahn. M: John Williams. P: Paramount Pictures, Lucasfilm, Amblin Entertainment. D: Harrison Ford, Cate Blanchett, Karen Allen, Shia LaBeouf, Ray Winstone, John Hurt, Jim Broadbent, Igor Jijikine, Dimitri Diatchenko, Ilia Volokh u.a.
122 Min. Universal ab 22.5.08

Nie wieder Hütchenspiel

Von Sascha Ormanns Am Anfang war der Match Cut. Da denkt man noch, alles läuft nach gewohntem und fabulös funktionierendem Muster. Doch schon die darauffolgende Sequenz läßt eine Veränderung sowohl Spielbergs als auch der bekannten Erzählstruktur der Vorgängerfilme erkennen: Beinahe könnte man meinen, die Infantilität der Spielbergschen Erzählungen hat sich zu einer erwachseneren verändert. Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels beginnt zwar durchaus jugendlich-pubertär (mit einem ironischen Hinweis auf American Graffiti), doch etabliert Spielberg vor seiner Hauptfigur hier zunächst die Handlungsepoche, wodurch der Film langsamer und reifer erscheint. Der Held ist zwar präsent – und sei es nur in den Köpfen der Kinogänger – doch sichtbar ist er in den ersten Minuten nicht. Überhaupt war die Eröffnungsszenerie in den Indiana Jones-Filmen immer ein typischer Bond-Start und hatte mit der eigentlichen Handlung nur wenig bis überhaupt nichts zu tun, diente sie doch immer nur der Vorstellung eines Charakters und bot Steven Spielberg Gelegenheit, sich seinem langgehegten 007-Traum hinzugeben. Auch diesmal gibt es diese Bond-Eröffnung, doch fügt sie sich nahtlos in den gesamten Film ein (auch hier hat sich in Spielbergs Dramaturgie eine Wandlung vollzogen).

Die Verfrachtung des Indiana Jones-Kosmos in die späten 1950er Jahre gelingt tadellos, obendrein entstehen dadurch Lücken in Indiana Jones’ Biographie, die der Betrachter spannenderweise selbst zusammenpuzzeln darf. War Indiana Jones in den Vorgängerfilmen noch ein unbedarfter Held, der ebenso wie Spielberg das Kind in sich bewahren wollte, konfrontiert uns der aktuelle Film nun mit einem reiferen Protagonisten, der sich durch all die Jahre und seine Erfahrungen einfach verändern mußte. Wohl nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg hat ihn gezwungen, erwachsener zu werden. Jetzt ist das Land und auch Jones fest im Kalten Krieg verankert: Der Austausch der Feindbilder von den Nationalsozialisten zu den Kommunisten funktioniert einwandfrei und ist Jones-historisch (möglicherweise sogar US-historisch) betrachtet eine logische Konsequenz.

Dieser Transport findet sich auch in der Visualisierung wieder. Wohl kaum ein anderer Regisseur vermag seine Geschichten so bildhaft zu erzählen wie Steven Spielberg, der auch hier wieder mit seinem mittlerweile angestammten Kameramann Janusz Kaminski zusammenarbeitet. Kontrastiert werden die wirklich bezaubernden Bilder, die zum großen Teil der antiquierten Stilistik der Vorgängerfilme ähneln, leider durch partiell minderwertige CGI-Effekte, die man beileibe schon qualitativ hochwertiger sehen konnte.

Die grundsätzliche Gefahr bei Sequels liegt in der durch die Vorgängerfilme bereits etablierten Erwartungshaltung der Zuschauer. Das größte Problem des neuen Indiana Jones besteht wohl darin, daß er nie als eigenständiger Film betrachtet werden wird – er ist nun mal Teil eines großen Gesamtwerks: Jäger des verlorenen Schatzes revolutionierte damals den Abenteuerfilm, und mit Indiana Jones wurde – vor allem dank der charismatischen Darstellung Harrison Fords – eine veritable Kultfigur geschaffen, die zwar Referenzpunkte zu anderen Leinwandhelden erkennen ließ, diese jedoch paßgenau für sich adaptieren konnte.

Was ist also schiefgelaufen bei Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels? Manches, aber wahrlich nicht alles. Die Voraussetzungen für einen würdigen Nachfolger sind durchaus gegeben: Bei einem Blick auf die Besetzung kann einem eigentlich nur warm ums Herz werden. Und an den darstellerischen Leistungen krankt Das Königreich ohnehin nicht. Auch rein inhaltlich hat die Fortsetzung kein Problem: Obgleich eine Themenverschiebung auszumachen ist, fügt sich diese doch adäquat in die Handlungszeit ein (diesmal dienten wohl eher die Science-Fiction-B-Filme der 1950er als Vorlage). Eigentlich also alles in Ordnung, um einen durchdachten und furiosen Indiana Jones-Film genießen zu können: Doch scheitert das Projekt (zumindest in der zweiten Hälfte) an einem Drehbuch voller Wirrungen und Wahnwitz und an einer zu extrovertierten Regiearbeit Spielbergs.

Spielberg ist – wie sein Held schon etliche Male – in eine Falle getappt, doch hatte er niemanden, der ihn da wieder hätte herausholen können. Weder er noch Drehbuchautor Koepp vermochten es, die eigens ausgelöste Kettenreaktion überbordender Action-Elemente zu stoppen oder sie ähnlich wie in den Vorgängerfilmen zu kommentieren. Diese Kommentierungen, sei es durch Gesten oder die Mimik Harrison Fords (man denke an seine Reaktion auf die Kugel, die gleich drei Nazischergen aus dem Weg räumte) fehlt einfach zu häufig bei den zahlreichen und hanebüchenen Actionsequenzen.

Nicht zuletzt die zeitliche Distanz zu Indiana Jones und der letzte Kreuzzug gestaltet es für die dritte Fortsetzung schwierig, qualitativ an die damaligen Erfolge anzuknüpfen. Schon seit etlichen Jahren kursierten Gerüchte über ein erneutes Sequel, endlos viele Drehbuchfassungen waren den Machern nicht gut genug: Alles sollte perfekt sein für einen vierten und vermutlich letzten Teil. Dadurch wuchs die Erwartungshaltung an diesen Film ins Unermeßliche. War es deshalb nicht abzusehen, daß Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels nur enttäuschen konnte? Überhaupt nicht. Doch so sehr man sich auch für Indiana Jones am Ende freuen möchte, letztlich stimmt das Ergebnis doch eher melancholisch. 2008-05-21 13:35

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