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Ich.Immendorff

D 2007. R,B: Nicola Graef. K: Alexander Rott. S: Kay Ehrich. M: George Kochbeck. P: Lona Media.
98 Min. Lona Media ab 22.5.08

Die Erzählung vom leidenden Heros

Von Martin Thomson Diejenigen, die sich mit Kunst beschäftigen, haben den Künstler in persona zu einem märtyrerhaften, dem banalen Leben enthobenen Wesen verklärt; ihn als einen von Komplexen zerfressenen, emotionalen Extremisten porträtiert, der unter körperlicher und seelischer Selbstaufopferung seine Gabe wie ein schweres Holzkreuz auf den Schultern trägt, um seiner märtyrerhaften Berufung nachzukommen, all die schmerzlichen Gegebenheiten zwischenmenschlicher Wirklichkeiten aufzuzeigen.

Der in seinen letzten Lebensjahren an Amoyotrophe Lateralsklerose (kurz: ALS) erkrankte Jörg Immendorff erweist sich auf den ersten Blick als adäquat, um paßgenau in jene verlautbarte Form des kreativen Leidenden zu passen und dementsprechend inszeniert werden zu können. Vor dem Hintergrund eingestreuter biographischer Notizen, die von Immendorffs Kindheit unter dem Verlust des sich selbst umgebrachten Vaters und von seinem Heranwachsen in den Wirrungen des von politischer Zerrissenheit und von radikalen künstlerischen Gesten bestimmten Alltags in Nachkriegsdeutschland erzählen, wird hier das Porträt eines gegen die Dämonen seiner Vergangenheit und die seinerzeit gesellschaftlichen Wirklichkeiten angehenden Kämpfers entworfen, um dann mithilfe der Dokumentation seines Widerstands gegen seine Erkrankung in den entsprechenden Rahmen gefaßt zu werden.

Nun entpuppt es sich allerdings häufig als eine schwerlich überwindbare Herausforderung, wenn anstelle des materiellen Werks des Künstlers seine Person in den Mittelpunkt gesetzt wird. Statt einer analytischen Begehung der Werk- und Wirkungsgeschichte des berühmten Malers, bekommt der Zuschauer nämlich mit Ich, Immendorff eine Hommage vorgesetzt, die unter dem Wissen des baldigen Dahinscheidens seines realen Protagonisten entstand. So etwas wie eine ehrerbietende Trauerrede bei einem Beerdigungszeremoniell, in der jene Seiten des Verstorbenen fokussiert werden, die den trauernden Gästen die Gewißheit verschaffen, daß er mit seiner Lebensführung diese oder jene positive Eigenschaft des Menschlichen verkörpert hat. Nicht selten entspringen solcherlei Reden der Motivation, dem Verstorbenen eine Rolle zuzusprechen, die seinem Tod einen Sinn verleihen. Bei dem Künstler freilich verschwimmt die üblicherweise zum Einsatz kommende Rhetorik der Verehrung. Wem wird hier Ehre erboten? Dem Menschen oder dem Künstler; und inwiefern läßt sich das teils kontrastive, teils symbiotische Wechselspiel zwischen beiden unsteten Definitionen auflösen? Wieviel Mensch steckt eigentlich noch in der medial abstrahierten Persönlichkeit des Schöpfers, wieviel Wahrheit auf der einen, wieviel Bild auf der anderen Seite sind darin letztlich auszumachen?

Ich, Immendorff geht jener Fragestellung aus dem Weg, woraus sich die Problemlage ergibt, daß sich das von dieser Person gewonnene Bild im störenden Gegensatz zur Motivation der Filmemacher verhält, eine Hommage zu inszenieren. Der im diktatorischen Tonfall bellende, sein Ego zur Schau stellende Immendorff inmitten seiner ängstlich-zögerlichen Kunsthochschulstudenten will nicht so recht passen zur mythischen Verklärung seiner Persönlichkeit – noch weniger zu den von der Mutter hervorgebrachten Äußerungen, die auf einen sensiblen Menschen schließen lassen und im Gegenschnitt zum Benehmen des Sohnes fast schon unfreiwillige Komik provozieren. Da wundert es auch nicht, daß jener, vor ein paar Jahren für Wogen in der Boulevard-Presse sorgende Skandal um Drogenmißbrauch und Prostitution im Zusammenhang mit Immendorff genauso unerwähnt bleibt wie die gleichwohl vor den Knien des künstlerischen Befehlsherren befindlichen Studenten in keinerlei Interviews zu Wort kommen. Vielleicht, und das ist wahrscheinlich, ist es den Filmemachern aber auch nicht gelungen, sich - wie fast alle Menschen, die sich im Bannkreis des Meisters befinden - von der Autorität ihres Objekts zu lösen. Vielleicht muß erst viel Zeit vergehen, um sich rückhaltlos gewiß zu sein und offen zu äußern, daß der Mensch hinter dem Künstler Immendorff vermutlich mehr und damit gleichwohl weniger das war, was eine Hommage auszudrücken vermag. 2008-05-19 09:39
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