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Mein Bruder ist ein Einzelkind

Mio fratello è figlio unico. I 2007. R,B: Daniele Luchetti. B: Sandro Petraglia, Stefano Rulli. K: Claudio Collepiccolo. S: Mirco Garrone. M: Franco Piersanti. P: Cattleya, Babe Film. D: Elio Germano, Riccardo Scamarcio, Diane Fleri, Alba Rohrwacher u.a.
100 Min. Kool ab 15.5.08

Brüder im Kampf

Von Nina Schattkowsky Mit seinem Titel Mein Bruder ist ein Einzelkind stellt dieser urtypisch italienische Film unmißverständlich jene konfliktreiche Beziehung in den Vordergrund, an der sich die Filmhandlung entlangentwickelt: Die Beziehung zwischen Accio und seinem älteren Bruder Manrico, die so unterschiedlich sind, daß sie sich fast schon wieder gleichen. Der Film scheint diese Beziehung mehr zu begleiten, als daß er sie verändert. Von Anfang bis Ende bleiben sie die ungleichen Brüder, die einander brauchen und einander nie verstehen lernen. Sie bleiben Einzelkinder.

Der Bruderzwist erstreckt sich über wichtige Jahre in der italienischen Geschichte, durch Armut und politische Konfrontationen hindurch, beginnend 1962. In der italienischen Provinz Latina angesiedelt, erleben die Brüder Süditaliens Verlust am industriellen Ausbau des Nordens und den schleichenden Verfall der Lebensumstände an der eigenen Familie mit. Die Eltern können kaum ihre drei Kinder versorgen und nur die Tochter, in der Hoffnung auf einen reichen Zukünftigen, auf die höhere Schule schicken. Das ergibt eine Kombination aus viel gestenreichem Geschrei und gelegentlichen Prügeleien, die den Film prägt.

Der Regisseur Daniele Luchetti, seines Zeichens Römer, thematisiert viele politische Themen, geht jedoch bei Korruption, Extremismus, Mafia und Revolution nur so weit ins Detail, wie es das Leben der Brüder zuläßt. Dadurch vermeidet er Langeweile in Strecken voller politischer und historischer Erörterungen und bindet diese gleichzeitig direkt an die Figuren. Eine sehr angenehme Form der Wissensvermittlung. Wir erfahren, wie die Polemik der Faschisten gerade für Accio so viel Sinn macht, der immer Zuflucht sucht, zuerst in der Religion und nun in einer Ersatzfamilie, die ihm zu essen gibt. Wir erfahren, wie Menschen zu Gruppen und zu Feindbildern werden. Wir bezeugen, wie Accio Faschist und Manrico Kommunist wird. Wie sie einander gegenüberstehen und nicht mehr den Bruderkampf kämpfen, sondern einen viel Größeren. Oder doch nicht?

Luchetti legt Wert darauf, keinen politischen Film gemacht zu haben. Immer wieder führt er auf die Frage nach der Beziehung der beiden Brüder zurück, die eine sehr wohl komponierte Dynamik enthält. Manrico ist der einzige, der Accio vor seiner Reise ins Priesterseminar verabschiedet, er ist der einzige, der ihn dort besucht, er ist der Verführer, der ihn zur Sünde verleitet und aus dem Priesterseminar drängt. Aber Manrico ist auch der Bestrafer, der es nicht schafft, ihm die falschen Ideen aus dem Kopf zu waschen, er ist der Sünder, der das Mädchen erobert und schwängert, das Accio wirklich liebt, und er ist der Revolutionär, auf den man sich nicht verlassen kann. Zuletzt bleiben beide nur eins: Brüder. Gleich und ungleich. Nicht umsonst heißt das Buch, auf dem der Film basiert, »Il Fasciocomunista« – der Faschistenkommunist.

Der reiche Inhalt und die starken Emotionen des Films werfen die Frage auf, warum so wenig gute Produktionen aus einem Land kommen, das so überschwänglich leben und erzählen kann. Nach Jahren des Durstes, kommt der italienische Film langsam zurück und setzt mit Mio fratello è figlio unico dem traditionellen italienischen Kino in vielerlei Hinsicht – nicht zuletzt mit einem liebenswert schön hüpfenden Soundtrack – ein Zeichen. Eine so tief italienische Geschichte hat selbst den Regisseur an einem internationalen Erfolg zweifeln lassen. Doch minutenlanger Applaus nach der Vorstellung im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes hat dies in alle Winde zerstreut. Luchettis Film ist uritalienisch und universell. Natürlich ist es auch irgendwie die uralte Geschichte von Romulus und Remus oder wie Ken Loach sie kürzlich in The Wind that Shakes the Barley nannte: Damien und Teddy. Irgendwie ein Biopic mit der Erzählerstimme von Accio, umschifft Mio fratello è figlio unico dramaturgische Fragen mit dem Argument der Authentizität. Wenn auch niemals wirklich klar wird, warum Manrico seinen zerstörerischen Weg geht, nimmt man doch, von Tragik gebeutelt hin, daß er Accio am Ende wirklich zum einzelnen Bruder macht. Viele der Motive bleiben aus Accios Perspektive diffus. Und auch, wenn das bisweilen die Figuren distanziert, befindet sich der Zuschauer letztendlich in Accios Kopf. Und dieser ist nun mal ein Einzelkind. 2008-05-09 11:29

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