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Karo und der liebe Gott

A 2006. R,B: Danielle Proskar. K: Gerhard Hierzer. S,M: Klaus Hundsbichler. P: Mini Film Filmproduktions KEG, Prokids Film. D: Peter Faerber, Petra Morzé, Resi Reiner, Branko Samarovski, Marie Christine Friedrich, Markus Meyer, Peter Faerber, Gerhard Ernst, Angelika Blum u.a.
95 Min. Alpha Medienkontor ab 8.5.08

Aus dem Kind erwachsen

Von Kristina Schilke Ach ja, wie beliebt sie doch im Kino sind: Freundschaften zwischen sozial unfähigen Erwachsenen und problembeladenen Kindern. Ob mainstreamtauglich und solide umgesetzt wie im Regiewerk von Mel Gibson Der Mann ohne Gesicht oder literarisch wertvoll wie in Wenn Träume fliegen lernen mit Johnny Depp als J. M. Barrie. Es geht auch stiller und mit mehr Kunstfertigkeit wie in dem weitgehend unbekannten Film Träume bis ans Ende der Welt mit einem grandiosen Kevin Bacon als geistig Behindertem und Evan Rachel Wood als Kinodebütierende. Manche erreichen sogar ohne Kitsch auf höchstem Niveau das Herz der erwachsenen Zuschauer wie der tschechische oscarprämierte Kolya. Und das ist auch der Knackpunkt: Diese Filmen zielen trotz der Thematik auf ein erwachsenes Publikum, und die Kinder, die mitspielen, sagen unbeholfene Sätze auf und sind ungekonnt talentiert, die Natürlichkeit wird ihnen gelassen.

Geht man einen anderen Weg, kommt man leicht auf Abwege. Das hat nun der preisgekrönte österreichische Kinderfilm Karo und der liebe Gott bewiesen. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Danielle Proskar, deren Filmographie so vielseitig ist, daß man in ihr neben Dokumentationen auch Autorenfilme und Kinderfilme findet, wollte mit der wie immer herzergreifenden Geschichte einer Freundschaft zwischen sehr jung und alt einen Kinderfilm erschaffen. Ein Kinderfilm ist es auch geworden, doch leider einer mit sichtbaren Ambitionen mehr zu sein als das.

Karo ist ein achtjähriges Mädchen mit einer Pianistin als Mutter, Alice, und einem schleimig prominenten Vater, Peter, der eine Dating Show im österreichischen Fernsehen moderiert und passend dazu mit Nachnamen Lenz heißt. Gleich am Anfang wird leise klar, daß dieses Paar nicht zusammenleben kann. Sie trennen sich, und weder versteht Karo diesen Vorgang noch will sie ihn akzeptieren. Gerade aus der Erstkommunion entlassen hat sie so einiges über den lieben Gott gelernt und betet fleißig für die Wiederherstellung ihrer gewohnten Familie. Sie betet in ihren Walkie Talkie, ein Geschenk zum Geburtstag, dessen zweiter Gegenapparat jedoch im Hausflur verlorenging. Gefunden hat ihn ein alter, gammeliger, wohl alkoholkranker Wiener und antwortet plötzlich in Karos Walkie Talkie, als sie den »Lieben Gott« wieder mal um Hilfe bittet. Später sieht sie ihn draußen vor dem Wohnhaus und erkennt ihn an seinem starken Wiener Akzent. Sie erkennt ihn und akzeptiert ihn vollends als den lieben Gott – trägt er doch immerhin auch seine Schöpfung, die Welt, mit sich, einen Globus nämlich. Und so heckt sie mit dem lieben Gott allerlei Pläne aus, wie man die Eltern wieder zusammenbringen könnte, denn die Hindernisse wachsen täglich. So hat nicht nur der Vater eine neue Freundin, sondern auch die Mutter hat im Saxophonisten Max so etwas wie ihren Seelenverwandten gefunden. Selbstverständlich scheitert Karo bei ihrem Vorhaben, und selbstverständlich findet sie im Gegenzug sich selbst, und natürlich bekommt der liebe Gott, dieser zum Lachen köstliche alte Wiener, einen ordentlichen Job zum Schluß, und seine eigentliche Identität als Mensch wird Karo nie verraten.

Daß ein Kinderfilm bestimmte Schemata erfüllt, ist kein Problem an sich. Mit Hollywood-Rezept gekochte Filme können ebenso gut schmecken, aber dann sollte man die Zutaten genau kennen und gekonnt einsetzen. Hier ist das nicht der Fall. Das Ende ist arg dick aufgetragen und schreit geradezu nach einer Filmvorführung im Religionsunterricht der Grundschule. Die von Karo gestellten Fragen und von ihr gesprochenen Sätze klingen oft zu ironisch, zu unnatürlich für ihr Alter, zu gestelzt, so daß die Kleine kaum eine Chance bekommt, ihre Natürlichkeit auszuspielen. Herzig ist sie natürlich trotzdem sehr, die Resi Reiner, die im Casting zurecht ausgewählt wurde, denn allein schon ihr Gesicht strahlt eine unglaubliche Süße und Ehrlichkeit aus. Sicher haben auch die kindlichen Religionsfragen manchmal ihren Reiz, wie zum Beispiel folgende, die Karo dem lieben Gott stellt: »Bist du auch geschieden? Weil du keine Frau hast, aber einen Sohn.« Und dem Wiener Charme des Gott-Darstellers Branko Samarovski kann man sich ohnehin nicht entziehen.

Wäre der Film konsequenter und hätte sich gleich für das Erwachsenenpublikum entschieden, anstatt so zu tun, als sei er für Kinder, hätte man sowohl philosophisch als auch handwerklich viel mehr aus ihm herausholen können. 2008-05-05 12:56
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