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Draußen bleiben

D 2007. R,B: Alexander Riedel. K: Martin Farkas. S: Ulrike Tortora, Gaby Kull-Neujahr. M: Klaus Burger, Matthias Schneider-Hollek. P: pelle film.
84 Min. Zorro ab 8.5.08

Draußen vor der Tür… kann man immer noch Fußball spielen

Von Martin Wertenbruch Herr Beckmann in Wolfgang Borcherts Drama ist einer »von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür.« Die beiden Protagonistinnen, Valentina (16) und Suli (17), sind mit ihren Eltern und Geschwistern Anfang der 90er Jahre aus dem Kosovo bzw. aus Nordchina geflohen. Sie haben ihr einstiges Zuhause verlassen und sich in einem Übergangsheim für Flüchtlinge am Stadtrand von München kennengelernt. Während Sulis Familie als Teil einer chinesischen Minderheit schon bald eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Wohnung erhalten hat, hangeln sich Valentina, ihr jüngerer Bruder und die Mutter seit elf Jahren von Duldung zu Duldung. Ein Schwebezustand, der nicht zum Ankommen und sich heimisch fühlen einlädt, der auch über den langen Zeitraum die Flüchtlingsunterkunft nicht schöner werden läßt. Und so spielt sich das Leben von Valentina und ihrer besten Freundin Suli vor allem eben draußen ab. Am liebsten, so scheint es, auf dem Bolzplatz.

Beide spielen mit anderen Mädchen in einem Straßenfußballteam, den »Harras Ladies«, wobei Valentina dabei das Sagen hat. Das Fußballspiel nimmt großen Platz im Leben der Protagonistinnen ein. Und wird zu einem Schwerpunktthema im Film. Immer wieder wird der leere Bolzplatz mit statischer Kamera in Szene gesetzt, im Gegenlicht, bei untergehender Sonne, als Projektionsfläche für das Leitthema des Films, des Draußenseins und -bleibens. Des Nichtdazugehörens zur Mehrheitsgesellschaft. Die Kamera blickt durch Gitter, Zäune, das metallene Fußballtor. Dann wieder taucht sie dynamisch ins Spielgeschehen ein, hautnah, durch die Verkabelung der Protagonistinnen auch auf der Tonebene nachspürbar. Noch verdichteter erlebt man Fußball bei Aufnahmen vom Straßenfußball in einem Innenhof, bei regennassem Untergrund und vor graffitiverzierten Wänden, schnelles Spiel, verwirrende Einstellungen, Werbeclip-Ästhetik. Diese Fußballsequenzen machen den Stil dieses vornehmlich dokumentarischen Films deutlich. Die Kamera beobachtet zum einen, wohlüberlegt und statisch. Zum anderen partizipiert sie, will mitspielen und gestalten, nicht nur zuschauen. Dabei entstehen ästhetische Bilder, die bisweilen mehr Stimmung als Geschehen abbilden – was die Zuschauer auf den Festivals bislang begeistert hat.

Alexander Riedel war auf der Suche nach Verweigerern verschiedener Art. Eher zufällig ist er auf Valentina und die »Harras Girls« gestoßen und war gleich begeistert vom Witz und der Stärke in Valentinas Auftreten, die sich den behördlichen Zwängen (Schule, Polizei) genauso verweigert, wie sich die Behörden ihr (stellvertretend für die unbenannten Akteure) verweigern, indem sie ihrer Familie jahrelang kein Bleiberecht zubilligen. Die Mädchen schaffen sich ihre eigenen Räume und Regeln, mit den Regeln der Gesellschaft haben sie mitunter Schwierigkeiten. So muß Valentina für einige Zeit ins Gefängnis, und auch sonst wird nicht soviel Wert auf die Meinungen der anderen gelegt. Riedel fängt die Außenseitermetapher auf grafischer Ebene ein. So entstehen durchdachte, ästhetische Aufnahmen – der persönliche Zugang und die Entfaltung der Protagonistinnen vor der Kamera könnte etwas mehr Platz einnehmen.

Daß Valentina letztendlich doch eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat und Suli sich inzwischen schauspielerisch betätigt, entläßt den Zuschauer mit einem positiven Gefühl. An einer Stelle heißt es dann auch aus Valentinas Sicht: »Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch bis (sic!) heute.« 2008-05-06 22:48
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