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Nichts geht mehr

D 2007. R,B: Florian M. Böder. B: Alexander Pellucci. K: Ergun Cankaya. S: Christian Matern. M: Tobias Ellenberg, Daniel Backes. P: aquafilm. D: Jörg Pohl, Jean-Luc Bubert, Nadja Bobyleva, Susanne Bormann, Oliver Bröcker, Hauke Heumann u.a.
87 Min. Alpha Medienkontor ab 8.5.08

Ruhrgebietsrebellen

Von Oliver Baumgarten Der Ruhrgebietsfilm hatte immer schon etwas irgendwie Subversives. Von den Filmen Peter F. Bringmanns, Adolf Winkelmanns und Dominik Grafs bis hin zu den Schimanski-Tatorten oder DoppelPack: Die klassische Ruhrgebietsfigur, in den 1970ern geprägt und bis heute gepflegt, ist immer auch ein kleiner Rebell – wenn auch meist komplett ungewollt. Schon in den 1960ern verstand es Adolf Tegtmeier, Jürgen von Mangers Ruhrpottspießer, immer wieder ganz ungewollt, mitten in seine Kleinbürgertiraden hinein ganz gehörig anzuecken. Ähnlich erging es all den Ruhrgebietshängern wie Lutz, Sulli und Atze aus Die Abfahrer oder Hoffi und Lehmi aus DoppelPack, deren Arbeits-, Antriebs- und Lustlosigkeit pure Subversion sind in einer betriebsamen Welt. Und schließlich Horst Schimanski: Es ist seine unzeitgemäße Wertetreue, die andere provoziert und die ihn zum konservativen Rebellen macht. Alle diese liebenswerten Figuren aus dem Ruhrgebiet eint, daß allein ihre Taten bzw. Nicht-Taten sie in den Augen anderer zu Rebellen macht und nicht etwa ihre Überzeugung.

Insofern passen Konstantin und August ganz hervorragend in diese Tradition: Die beiden Brüder aus Bochum nämlich kommen bei einem geschwisterlichen Besäufnis nächtens auf die glorreiche Idee, alle Bochumer Ampeln mittels weißer Farbe erblinden zu lassen. Ein großer Spaß für die beiden, der sie wieder näher zusammenbringt. Das Verkehrschaos am nächsten Morgen bringt zwar Bochums Autofahrer auch näher zusammen, macht allerdings weder ihnen noch der Polizei besonderen Spaß. Und noch ehe der übliche Medienwahnsinn so richtig seinen Anfang genommen hat, gilt die Aktion auch schon als Terrorakt einer linken Gruppierung: Nach den vermeintlichen Revolutionären Konstantin und August wird noch am Morgen offiziell gefahndet, und so fliehen sie panisch nach Hannover, wo sie in einer Wohnung untertauchen.

Konstantin und August stellen tatsächlich durch und durch typische Figuren aus dem Ruhrgebietsfilm dar, und wie sie hier als Resultat einer klassischen Hängeraktion, also dem pubertären Vertreiben unvermeidlicher Zeit, zu Rebellen gestempelt werden, löst Florian Mischa Böder filmisch ganz wunderbar. Flott erzählt und vom gesamten Ensemble sympathisch gespielt strickt er den amüsanten ersten Teil des Films, vermag das straffe Niveau und den runden Humor allerdings, sobald seine Figuren in Hannover sind, nicht mehr ganz zu halten. Wie so oft bei einer lustigen singulären Grundidee zerfasert sie hinten raus in der Erzählung, weil sie alleine eben über die gesamten drei Akte nicht trägt. Vielleicht hätten Konstantin und August einfach das Ruhrgebiet nicht verlasen dürfen, denn da draußen in Restdeutschland, da verliert ein Ruhrgebietsrebell offensichtlich wohl doch den Großteil seiner subversiven Wirkung. 2008-05-06 13:23
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