— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wilde Unschuld

Savage Grace. E/USA 2007. R: Tom Kalin. B: Howard A. Rodman. K: Juan Miguel Azpiroz. S: John F. Lyons. M: Fernando Velázquez. P: A Contraluz Films, ATO Pictures u.a. D: Julianne Moore, Stephen Dillane, Elena Anaya, Simón Andreu u.a.
96 Min. Concorde ab 8.5.08

Die Spiele der Erwachsenen

Von Nina Schattkowsky Tom Kalins Adaption des Romans »Savage Grace« läßt nicht viel Zeit verstreichen, bis klar wird, daß es sich um ein sadistisch dysfunktionales Trio aus Vater, Mutter und Sohn handelt, das der Film Schicht um Schicht offenlegt. Der Vater, Brooks, ist Erbe des Baekeland Plastik-Imperiums und sichert der Familie einen Lebensstil im Überfluß in der internationalen gesellschaftlichen Elite. Die Familie zieht heuschreckengleich von Penthouse zu Penthouse durch die Welt und hinterläßt eine Spur emotionaler Vernichtung – die Trümmer der Familie Baekeland. Brooks’ Frau Barbara hat über ihre Verhältnisse in eine Welt hineingeheiratet, die sie mit allen Mitteln festhält, die ihr aber nicht wohlgesonnen ist. Die Beziehung zu ihrem Sohn Tony steht im Zentrum des Films. Barbara ist emotional unbeständig und hat ein überdeutliches Problem mit Grenzen. Sie ist von Julianne Moore vor allem in ihrer manipulativen Schutzbedürftigkeit gut getroffen, ihr Lächeln ist oft aufgesetzt, und ihre Gesten verdecken ihre gekränkte Seele. Die Auswahl der Episoden aus ihrem Leben fängt ihren Niedergang pointiert ein und stattet den Film mit einem angenehmen, flüssigen Rhythmus aus. Man fließt und gleitet mit den klebrigen Sommern dahin, in denen sich Tony und Barbara auf ihr fatales Finale zubewegen.

Der kleine Tony wächst inmitten einer Ehe auf, die voller Erniedrigung, öffentlicher Demütigung und rachsüchtiger Machtspiele ist. Fast schon unvermeidlich wird er zum Spielball, zur Waffe, zum Einsatz und Ersatz. Vor allem die Mutter nutzt ihn erbarmungslos als Erweiterung ihrer eigenen Person. Und so ist es nicht nur sie, die Brooks schließlich verläßt, sondern auch Tony. Der Verlust des Vaters und die inzestuöse Beziehung zu »Mommy« werden in Wilde Unschuld die entscheidenden Bedingungen für Tonys Entwicklung. Ödipale Situationen werden deshalb so gern benutzt, weil sie eine beinah unbegrenzte zerstörerische Kraft haben und eine Ungeheuerlichkeit bergen, die von selbst kommt. Ungeheuerlich, wie Barbara den kleinen Jungen bei gesellschaftlichen Anlässen aus de Sades »Justine« vortragen läßt und ihn bittet, es »für sie« zu tun. Ungeheuerlich, wie der Vater die spanische Freundin des Sohns zur Geliebten nimmt und als Grund, die Familie zu verlassen.

Die Adaption fügt der Geschichte nicht allzu viel hinzu und schwebt mehr am Buch entlang direkt auf die Leinwand. Das geht solange gut, bis der Film seinen kontroversen Höhepunkt in der Darstellung des Inzests zwischen Mutter und Sohn erreicht. Die Art und Weise, in der Wilde Unschuld dort Tabus bricht, hat dem Film zwar Aufmerksamkeit zugetragen, ist jedoch in seiner unreflektierten Art verstörend. Der Inzest selbst ist derart graphisch und realistisch gefilmt, daß er fast keinen Raum für das Tabu läßt und nur als provozierendes Zeugnis daherkommt. Er findet in einem seltsamen Leerraum statt und läßt den Zuschauer fragend zurück.

Tom Kalin enttäuscht das New Queer Cinema nicht, das sein erster Film Swoon mitgestaltete, und wählt mit Tony eine Hauptfigur, die in ihrer offenen Homosexualität interessant ist. Im Film aber, wie auch in der Geschichte, wird sie immer gegen die Mutter betrachtet und verblaßt ihr gegenüber. Tony ist zu sehr das, zu dem ihn Barbara gemacht hat, und der etwas unerwartete Befreiungsakt zum Schluß ist damit fast ein Suizid. Ein unrühmliches Ende einer Dynastie und eine blankgeputzte Darstellung menschlicher Abgründe. 2008-05-02 13:34

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap