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Ben X

B/NL 2007. R,B: Nic Balthazar. K: Lou Berghmans. S: Philippe Ravoet. M: Praga Khan. P: MMG Film & TV Production. D: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Titus De Voogdt u.a.
90 Min. Kinowelt ab 8.5.08

Anders anders

Von Sascha Ormanns Ben ist anders. Ben leidet am Asperger-Syndrom, einer abgeschwächten Form von Autismus. Er hat immense Schwierigkeiten, sich in der »normalen« Welt zurechtzufinden, insofern steht die Krankheit der von Greg Timmerman authentisch gespielten Figur nicht ausschließlich für sich selbst, sondern ist eher metaphorisch zu betrachten. Nic Balthazar zeichnet mit seinem Filmdebüt eine Parabel auf alltägliche Probleme. Nichtsdestotrotz nutzt der Film Bens Andersartigkeit, potenziert so die geläufigen Fragestellungen des Lebens dahingehend, daß Lösungen nur allzu schwer zu erreichen scheinen. Ben findet seine Antworten im Online-Rollenspiel »Archlord«, das er nutzt, um in eine Welt zu flüchten, deren Konventionen er versteht, in der er zur Abwechslung Held sein darf, sogar eine Gefährtin findet. Balthazar schafft es zwischenzeitlich, den Zuschauer regelrecht in den Autismus der Hauptfigur einzusperren; filmisch wird dies durch ein perfektes Konglomerat von Kamera, Schnitt und Ton erreicht. Teils wacklige Einstellungen gepaart mit Mehrfachbelichtungen, schnelle Schnittfolgen und immer wieder gedämpfte Umgebungsgeräusche sorgen in Ben X für eine angemessene Verwirrtheit des Betrachters. Um dem entgegenzuwirken, werden klassische Filmsequenzen mit Bildern aus der Online-Spiele-Welt von »Archlord« gegengeschnitten, die die aktuelle Gefühlslage Bens widerspiegeln.

Weiterhin sind die darstellerischen Leistungen hervorzuheben, Greg Timmerman mimt den autistischen Ben mit einer angenehm zurückhaltenden Sensibilität, die vom Film durch die stilisierte Bösartigkeit seiner Antagonisten kontrastiert wird: Titus de Voogdt und Maarten Clayessens vermögen durch ihre Rolleninterpretation eine Abscheu hervorzurufen, die wirklich beängstigt. Schlußendlich bleibt zu sagen, daß Nic Balthazars Ben X, der gleich drei Preise auf dem Montréal World Film Festival abräumen konnte, zwar für Empathie mit Andersartigen plädiert, der Protagonist diese letztlich jedoch nur durch Adaption kontroverser Verhaltensweisen seiner Umwelt zu erreichen vermag. Und das stimmt nachdenklich. 2008-05-02 13:34

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.

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