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Freischwimmer

D 2007. R: Andreas Kleinert. B: Thomas Wendrich. K: Johann Feindt. S: Gisela Zick. P: Typhoon. D: Frederick Lau, August Diehl, Fritzi Haberland, Dagmar Manzel, Alice Dwyer, Devid Striesow u.a.
115 Min. Novapool ab 8.5.08

Baden gehen

Von Tamara Danicic Wir haben es ja schon immer geahnt: Die deutsche Provinz hat es faustdick hinter den Ohren. Hinter der Fachwerkfassade stapeln sich geradezu die Leichen im muffigen Keller. Der Namensgeber des örtlichen Gymnasiums ist, natürlich, Franz Kafka, womit der Anstalt a priori Abgründigkeit und Absurdität bescheinigt werden. Und die Provinzbewohner? Eine Ansammlung unterbelichteter Sportlehrer, versoffener Pfarrerinnen mit hobbydetektivischen Ambitionen, sadistisch-durchtriebener Nachwuchsvamps und romantisch verblendeter Musiklehrerinnen. Dazwischen: der fünfzehnjährige Gymnasiast Rico, ein totaler Losertyp mit Hörschaden und Modellbauleidenschaft, und sein Deutschlehrer Martin Wegner, der irgendwie »anders« ist. Sätze wie »Man kann sie hören, die Stille« fallen, ohne daß jemand dafür zum Schämen in die Ecke geschickt wird. Und am Ende wandern die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen. Oder so ähnlich.

Klar, das ist alles nicht so gemeint, das ist nur überzeichnet – als »Polemik gegen einen schicken filmischen Realismuswahn« und »gegen eine satte Gesellschaft, die davon überzeugt ist, daß sie ganz redlich funktioniert« (Zitat aus dem Statement des Regisseurs im Presseheft). Polemische Filme und formale Wagnisse in Ehren – doch Andreas Kleinerts erster Kinofilm seit seinem hochgelobten Wege in die Nacht ist ein ziemlich krauser Mix aus Murder Mystery, Coming-of-Age- und Film noir-Persiflage und nicht zuletzt ein gescheiterter Lynch-Nachbau. Freischwimmer hätte wohl gerne die Virtuosität und das Verstörungspotential von Blue Velvet, ist aber meilenweit davon entfernt.

Zu sehr schreit hier alles seine Bedeutung heraus, zu sehr gefällt sich der Film im Überspitzen ebendieser, der aber jeder noch so dünne doppelte Boden zu fehlen scheint. Selbst die Ironie – hinter der es sich zweifellos leicht verschanzen läßt – wird marktschreierisch vor sich hergetragen. Da kann auch das hochkarätige Ensemble um August Diehl, Fritzi Haberland und Devid Striesow nicht mehr viel ausrichten. 2008-05-02 13:25

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.

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