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Diese Tage in Terezin

D 1995-97. R,B: Sibylle Schönemann. K: Hans Rombach, Susanne Salonen, Thomas Plenert. S: Renate Merck.
80 Min. Basis ab 15.1.98
Von Mark Stöhr Eine Frau erzählt: Damals in Theresienstadt im Judenghetto gab es einmal zu Weihnachten für jeden einen Teelöffel Marmelade auf die blanke Hand. Und weil eine unter ihnen schwanger war, streckte ihr jeder die Hand hin und sie leckte eine nach der anderen ab. Für's Baby. Das ist dann sechs Wochen nach der Geburt an Typhus gestorben. Die Mutter ist kurz danach auf dem Weg nach Bergen-Belsen. Schade eigentlich um die schöne Marmelade. Aber so ist das Leben, sagt die Frau und wirft ihrer Freundin einen spitzbübischen Blick zu.

Das ist nicht Hohn der Überlebenden über die Toten, sondern Hohn des Lebens über den Tod. Dem Tod ins Gesicht lachen, heißt es immer wieder, blödeln, tanzen, singen, dem Tod die lange Nase machen, auch wenn er sie schon gepackt hat. Nur wer lebt, kann die Toten ins Leben zurückholen.

Karel Svenk war so ein Geiger auf dem letzten Lebensfaden. Dichter und Kabarettist aus Prag, gab er geheime Sessions in den Kellern von Terezin, bei denen man über die Feinde wie über sich selbst gleichermaßen lachte. Und dem Tod immer ins Gesicht. Seine Lieder wurden schnell zu Gassenhauern unter den Bewohnern. Sie nannten ihn den »Chaplin von Theresienstadt«.

In Diese Tage in Terezin machen sich drei Frauen auf, nach den Spuren Svenks zu suchen und jenem »element of life«, das die Menschen dem Tod trotzen lässt. Sie treffen auf Überlebende und werden überrascht von einer großen Unverkrampftheit im Umgang mit der grausigen Geschichte und von viel Pragmatismus. Es wird munter drauflosgeplaudert: Von einem gescheiterten »ersten Mal«, weil durch die dünnen Wände der rasselnde Atem von nebenan die Liebenden sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren ließ, da lief gar nichts. Der Liebhaber wurde wenige Tage später abgeholt. Ende der Geschichte. Nach jeder dieser Geschichten kommt immer sowas wie: Aber so ist das Leben, wir haben überlebt und es geht uns gut. Und: Unser Leben ist das Überleben der Toten.

Karel Svenk kannten sie alle. Der war zwar kein schöner Mann, aber seine Lieder waren das tägliche Brot. Am Ende singen sie noch einmal alle zusammen Svenks »Marsch von Theresienstadt« und die eine Frau spielt auf der Mundharmonika mit. Großes Gekicher. Und ganz am Ende gibt es einen Überraschungsgast. Um es vorwegzunehmen: Es ist nicht Rudi Carrell. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #09.
© 2012, Schnitt Online

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