— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Lebe lieber ungewöhnlich

A Life Less Ordinary. GB 1997. R: Danny Boyle. B: John Hodge. K: Brian Tufano. S: Masahiro Hirakubo. M: David Arnold. P: Figment Films. D: Ewan McGregor, Cameron Diaz, Holly Hunter, Delroy Lindo, Ian Holm u.a.
104 Min. PolyGram ab 22.1.98
Von Nikolaj Nikitin Bei manchen Geschichten hat man das Gefühl, wenn man sie noch einmal auf der Leinwand sieht, muß man kotzen. Eine davon ist: Ein armer, vernachlässigter, aber doch total sympathischer, mehr oder weniger junger Mann verliert seinen Job. Um sich zu rächen, entführt er einen nahen Verwandten (meistens die Tochter) des Großunternehmers, der ihn feuerte. Sie kommen sich näher usw. Sie wissen sicherlich, was ich meine. Doch zum Glück kommt es im Kino nicht auf ein solches Handlungsgerüst, nicht allein auf die Ausgangsidee, sondern auf die Umsetzung und die Ausformulierung an (Naja, eigentlich ist es ja bei einem guten Buch nicht anders und überhaupt, aber irgendwie muß man ja als Nichtbaukastenjournalist in die Besprechung einsteigen). Ist man erst einmal voll dabei, kann man auch erzählen, wie grandios lebendig und witzig die Umsetzung von Lebe lieber ungewöhnlich ist. Jener junge, aber durchaus charismatische Geselle wird von dem (Ach was, Lobhudeleien über ihn gab's bei uns im Laufe der Zeit genug, also ganz einfach von) Ewan McGregor gespielt. Er kidnappt die hinreißende, atemberaubende, ach okay, also Cameron Diaz. Ihr Vater, der bombastische, vielleicht beste Bühnenschauspieler Englands, 'tschuldigung, Ian Holm jagt ihm die Killer Holly Hunter und Delroy Lindo (Geschafft!) auf den Hals. Doch in Wahrheit sind das keine Killer, sondern Engel. So, genug zum Inhalt, ist ja eigentlich auch nicht meine Art. Wenn man Shallow Grave als gelungenes Debüt, als kammerspielartigen, psychologisch durchkonstruierten, sicherlich an die Meister der Suspense angelegten, kleinen, aber fiesen Film sieht, Trainspotting als bitteres Porträt einer verlorenen Generation, mit wilder Kamera, mit überzeugenden Dialogen und Darstellern, einen Film der in kein Korsett paßt und doch soviel Dinge anreißt, dann ist Lebe lieber ungewöhnlich eine bezaubernde, am amerikanischen »Screwball« orientierte Komödie, mit einer irren Austattung und ebensolchen Kostümen, einer grandiosen aufeinander abgestimmten Schauspielerriege mit einer der schönsten Musicalnummern der letzten Jahre. Klartext: der Film ist die reinste Gaudi! Wenn es nach dem Prinzip der Steigerung weitergeht, wird Boyles nächster Film bestimmt noch himmlischer. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #09.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap