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Das süße Jenseits

The Sweet Hereafter. CAN 1997. R,B: Atom Egoyan. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: Ego Film Arts. D: Ian Holm, Sarah Polley, Bruce Greenwood, Tom McCamus u.a.
110 Min. Pandora ab 5.3.98
Von Nikolaj Nikitin Der Name Atom Egoyan war bis dato ein Garant für eine andere Art des Kinos. Ausgefallene Geschichten, meist auf mehreren komplexen Handlungsebenen, ausgefeilte Kamerakonzepte und Spielereien mit der Intermedialität. Jenseits des Mainstreams schien er immer kurz davor, einen genialen Film zu machen, nahe der surrealen Kraft eines Bunuels, der Sprunghaftigkeit und Lebendigkeit des jungen Godards und den Bildkompositionen eines Greenaways.

Mit seinem neuesten Film The Sweet Hereafter, der in Deutschland den wunderbar nach einem lustigen Bestattungsunternehmen klingenden Titel Das süße Jenseits hat, macht er all diese in ihn gesetzten Hoffnungen zunichte. Er liefert einen langweiligen, konservativen Film ab, und schuldsuchend zeigt der Finger wieder auf die debile Vorlage von Russell Banks. Ähnlich dem sonst sehr einfallsreichen Schrader verwurstet auch Egoyan Banks' Romanvorlage zu einem Drehbuch. Filme, in denen uralte Mythen, wie die des Rattenfängers von Hameln als Parabel für den Weltschmerz herangezogen werden, sollte man sowieso verbieten. Doch nicht nur die Story um einen Anwalt (man muß schon sehr viel falsch machen, um Ian Holm schlecht spielen zu lassen, und das schafft zum Glück weder Banks noch Egoyan), der in ein verschneites Dörfchen kommt, um den Unfall eines Schulbusses zu untersuchen, ist langweilig, sondern auch die Leistung der übrigen Besetzung, die beim Spielen schon beinahe einzuschlafen scheinen. Allen voran die unsägliche Sarah Polley, als einzige Überlebende des Unglücks. Zwar werden etliche Teile der Geschichte in Rückblenden erzählt, und es gibt auch eine Parallelhandlung zwischen dem Anwalt und seiner Tochter, doch leider zieht Egoyan daraus weder dramaturgische Spannung, noch den Zuschauer in seinen Bann. Führte uns noch Tom Tykwer zusammen mit seinem Kameramann Frank Griebe im Winterschläfer die Schönheit einer Winterlandschaft vor, ist bei Atom Egoyan und Paul Sarossy nichts davon zu spüren.

Das süße Jenseits ist ein ärgerlicher Film eines überaus talentierten Filmemachers, von dem man sich nur erhoffen kann, daß er wieder zur Vernunft kommt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #09.
© 2012, Schnitt Online

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