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Glue

GB/ARG 2006. R,B,S: Alexis Dos Santos. K: Natasha Braier. S: Ida Bregninge, Leonardo Brzezicki. P: Diablo Films, The Bureau, Meteoritos. D: Florencia Braier, Héctor Díaz, Inés Efron, Verónica Llinás, Nahuel Pérez Biscayart, Nahuel Viale u.a.
108 Min. Salzgeber ab 1.5.08

One Big Teenage Experiment

Von Sebastian Gosmann »Desierto, desierto entre mis piernas.« – Wüste, Wüste zwischen meinen Beinen.
»¡Mojarme, mojarme!« – Mach mich naß, mach mich naß!

In diesen ebenso ungestümen wie ungelenk formulierten Songzeilen, die der fünfzehnjährige Lucas während seines ersten Gigs als Frontmann seiner noch nicht wirklich bühnenreifen Punkband immer wieder ins Mikro brüllt, offenbart sich in – wenn auch nur dürftig – verklausulierter Form der massive Triebstau, unter welchem der schlaksige Pubertätskandidat (ebenso wie sein bester Kumpel Nacho) schon seit geraumer Zeit zu leiden hat. Es ist ein Flehen um Erlösung; von den Qualen, die ihm die pure Existenz des vermeintlich unerreichbaren weiblichen Geschlechts tagtäglich beschert; von der Unannehmlichkeit, allmorgendlich in der vom eigenen Ejakulat durchtränkten Unterhose zu erwachen; und – mögen sie seiner künstlerischen Ader auch noch so zuträglich sein – von den einschlägigen Tagträumereien, in denen sich die Sehnsucht nach geschlechtlicher Vereinigung auf geradezu poetische Weise manifestiert. Den perfekten visuellen Rahmen für diese von intimen Gedanken und erotischen Fantasien diktierten (filmischen) Tagebucheinträge, die Regisseur Alexis Dos Santos immer wieder in die eigentliche Spielhandlung einfließen läßt, findet er in der Super8-Ästhetik. Die wacklige Kamera, die beständigen Unschärfen und die willkürlich gesetzten Schnitte lassen die adoleszente Erregtheit der Protagonisten mit der wohlig-warmen Nostalgie von auf Homevideo festgehaltenen Jugenderinnerungen verschmelzen. Und man wünscht sich insgeheim, der auf den ersten Blick eher unscheinbaren Andrea würden diese Sequenzen zugespielt werden, denn Lucas’ verzweifelter Ruf nach Körperlichkeit bliebe bei ihr gewiß nicht unerwidert.

Das gleichsam zielgerichtete und schüchterne Treiben der Teenager in der Einöde des argentinischen Hinterlands wird eingefangen in Bildern, die wirken, als wären sie durch die Gläser einer Sonnenbrille fotographiert. Dank des konsequent eingesetzten Rotfilters droht die glühende Hitze des sommerlichen Patagonien beinahe bis in den Zuschauerraum vorzudringen. Auf diese Weise wird nicht nur der sexuellen Spannung zwischen den Jugendlichen angemessen Ausdruck verliehen, es erschließt sich auch noch ganz nebenbei, wie Lucas zu den schlagenden Metaphorismen kommt, die er in seinen Punktexten verarbeitet.

Dos Santos’ größte Stärke jedoch liegt in der Kunst der Zurückhaltung. Dies offenbart sich vor allem in jenen Szenen des Films, in denen die drei Jugendlichen ungestört beieinander sind und ihre Erregung und Unsicherheit offen zutage treten. Der Regisseur tut gut daran, in solchen ebenso fragilen wie eindringlichen Momenten, statt inszenatorisch einzugreifen, einfach auf die Improvisationskünste seiner durch die Bank talentierten Darsteller zu vertrauen, aus deren bemerkenswerter Natürlichkeit Glue letztlich seine Magie bezieht. 2008-04-30 12:11
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