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Meine Mutter, mein Bruder und ich!

D 2007. R,B: Nuran David Calis. K: Helmut Pirnat. S: Nikola Gehrke. M: Martin Kälberer. P: d.i.e.film. D: Erhan Emre, Mira Bartuschek, Erkan Maria Moosleitner, Corinna Harfouch, Kurt Ipekkaya, Lida Zakaryan, Stefan Hunstein, Kai Reinke u.a.
102 Min. Movienet Film ab 1.5.08

Heimatstück

Von Eleonóra Szemerey Eine etwas ungelenke, aufgesetzt naive Voice Over-Einleitung des neunjährigen Garnik über einen Schatz in der unbekannten Heimat und Wünsche, die in Erfüllung gehen, wenn man nur fest genug an sie glaubt, mündet in ausgedehnte, üppig-gleitende Helikopteraufnahmen von der erhabenen Berglandschaft Armeniens. Durch die sehnsuchtsvolle, fremdartige Melodie unter den satten Farben und die archaischen Bilder von einer uralten Kultur, von menschlicher und natürlicher Zerstörung baut sich in den ersten Minuten von Meine Mutter, mein Bruder und ich eine Erwartungshaltung auf, die sogleich gekonnt gebrochen wird. Statt mit nebelverhangener Märchenmystik geht es ohne Überleitung mit einer steril-weißen, künstlich entleerten Filmkulisse und einer allegorischen Szene auf den deutschen Alltag weiter: Ein junges Paar sitzt schweigend am Frühstückstisch, über ihnen lastet ein überdimensionales schwarzes Kreuz, sie zündet seine Zeitung an, er versteht nicht.

Es handelt sich um Aregs Bewerbung für die Filmhochschule, die er mit Hilfe seiner Freundin und seines Mitbewohners dreht. Garniks Off-Stimme stellt ihn als den großen Bruder vor. Leider wird dann schnell deutlich, daß die Darsteller nicht nur im eingeschobenen Bewerbungsfilm des Protagonisten, sondern auch im gesamten Leinwanddebüt des mehrfach ausgezeichneten Theaterregisseurs Nuran David Calis wenig überzeugen.

Nach den kontrastierenden Anfangsbildern, die so vielversprechend pointiert in die Grundproblematik des Films – die Zerrissenheit zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Aufbruch, Armenien und Deutschland – einführen, entrollt sich eine an sich sehr gut beobachtete, realitätsnahe und relevante Geschichte; ein Heimatfilm der besonderen Art. Areg, Anfang 20, seit 16 Jahren mit verwitweter Mutter Maria und Bruder in Regensburg auf die Entscheidung über den Asylantrag wartend, versucht, sich als Drehbuchautor und Regisseur der Filmbranche in München zu nähern – während seine Mutter alles daran setzt, ihn an sich und ihre Wurzeln zu binden und mit einer armenischen Frau zu verheiraten. Genauso konsequent, wie sie sich weigert, deutsch zu sprechen, wehrt sich ihr Sohn gegen jegliche Rückbesinnung auf sein Vaterland und pocht darauf, daß Deutschland die neue Heimat der Familie sei. Dieser so typische Identitätskonflikt von Kindern sich auf die alte Heimat versteifender Eltern kommt in einer ganz wunderbar vielschichtigen Szene bezeichnend zum Ausdruck: Areg sitzt mit Mutter und Bruder am Tisch, sie tut ein traditionelles Gericht auf, schimpft auf Armenisch, der Älteste verteidigt sich auf Deutsch, sie steht auf, geht aus dem Bild und kehrt mit einem Strickpullover, vermeintlich dem des verstorbenen Vaters, zurück. Seinen Protest mißachtend stülpt sie ihm das Kleidungsstück über, zupft es zurecht, um es ihm wenige Minuten darauf unter Prügel wieder auszuziehen, weil sie weder etwas von der deutschen Freundin noch dem deutschen Leben ihres Sohnes hören will (faszinierend ist dabei, daß Calis die Mutter im gesamten Film, gelegentlich sogar minutenlang armenisch sprechen läßt und man dennoch alle Streitpunkte versteht, ohne daß es einer Untertitelung bedürfte). Areg ist zwischen der Verantwortung für seine Lieben und der für das eigene Leben hin- und hergerissen, fühlt sich von seiner Familie sabotiert und ausgenutzt. Doch die Bande sind stark, und als die bis dahin trotzig ignorierte und vertuschte Diabetes Marias ganz unerwartet in die lebensbedrohliche Phase eintritt, opfert Areg seine Beziehung, gefährdet seinen Traumjob und verläßt seine Wahlheimat, um den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen. Dabei erkennt er: »Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.«

Schade, daß bei alledem die in den allegorischen Szenen so gekonnt eingesetzte ungezwungene Verdichtung nicht wieder zum Einsatz kommt, sondern einer zwischen seltsam typisierter Alltagsrealität und überraschend süßlichen Märchenelementen hin- und herpendelnder Inszenierung weicht, bei der man gelegentlich mehr Angst von Überzuckerung bekommt als Maria sie je verspürt haben mag. Zudem rauben die übertrieben perfekte Figur des kleinen Bruders, mißglückte Voice Over-Kommentare desselben und Darsteller, die man allzu oft das Drehbuch vorspielen bzw. theaterhafte Monologe aufsagen spürt, viel von der Dringlichkeit der eigentlichen Geschichte. Diese kann auch durch die letzten Bilder, die zur suggestiven Märchenromantik der Exposition zurückkehren, den ewigen Kreislauf von Leben und Tod mit betonter Metaphorik beschwören und die Brüder schließlich den legendären Schatz in der Heimat finden lassen, nicht ersetzt werden. Ganz im Gegenteil. Vielleicht hätte Calis‘ Buch als Theaterinszenierung doch besser funktioniert. 2008-04-29 13:17
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