— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Trennung

Disengagement. D/F/I/IL 2007. R,B: Amos Gitai. B: Marie-José Sanselme. K: Christian Berger. S: Isabelle Ingold. M: Simon Stockhausen. P: Pandora Filmproduktions GmbH, Agav Films, Agat Films & Cie u.a. D: Juliette Binoche, Lior Louie Ashkenazi, Giovanna Mezzogiorno, Jeanne Moreau, Liron Levo, Barbara Hendricks u.a.
115 Min. Pandora ab 25.9.08

Utopie der Realität

Von Jakob Stählin Die Ordnung einer Trockenübung: Ein Pulk israelischer Polizisten empfängt Befehle eines Ranghöheren. Aus dem ungeordneten Haufen bildet sich eine Kette mit vorgehaltenen Schutzschildern, Helmen und metallenen Beinschützern.

»Eins!« schallt die Stimme durch das Megaphon. Die Plexiglas-/Metallkette geht einen Schritt auf die Kamera zu. »Zwei!«, »Drei!«, »Lücke bilden für die Pferde!«, »Lücke wieder schließen!« Immer und immer wieder, bis der Zuschauer fast überrannt wird.

Am 15. August 2005 leitete der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon die Räumung der 21 jüdischen Siedlungen im Gazastreifen an. Amos Gitai, der sich aufgrund persönlicher Impressionen inspirieren ließ, ein Bild der Massenverschleppung zu zeichnen, verlangt dem Zuschauer eine ganze Menge ab. Doch zunächst besucht er uns zuhause in friedlichen Verhältnissen, stellvertretend in Avignon, Frankreich.

Es ist eine sichere, aber auch eine zutiefst deprimierende Welt; eine leblose Skizze. Ana empfängt ihren israelischen Bruder Uli – ihr Vater ist verstorben, doch es ist ihnen eigentlich auch egal. Es wird geraucht und Wein getrunken, Barbara Hendricks singt Gustav Mahlers »Lied der Erde«. Es ist selbstverständlich gähnend langweilig. Der Vater war Professor, ein hochangesehener Mann, natürlich solle man dies so im Nachruf erwähnen, »schreiben Sie, was Sie wollen.« Der Herr von der Presse ist verdutzt.

Es flirrt. Amos Gitai hat sich für lange Steady-Cam-Fahrten entschieden, kulminierend in Plansequenzen von bis zu sieben Minuten Länge. Die lediglich 80 Schnitte des Films stellen weitestgehend tatsächliche Zeitsprünge dar; selbstverständlich kann diese Art des Erzählens absolut wahnsinnig machen. Andächtige Stimmung im Kinosaal läßt das Atmen des Sitznachbarn laut erscheinen, Knie zittern. Im Prinzip ein ganz simpler Effekt – Nichterfüllung narrativer Normen, stattdessen dogmatische Einhaltung der eigenen Vision, die zwangsläufig, sofern sie schlüssig ist, vom Erfahrenden verstanden wird.

Fast schon absurd mutet die Pre-Credit-Sequenz an, in der sich Uli mit einer palästinensischen Frau in einem Zug unterhält, freundschaftlich, schließlich sogar leidenschaftlich; sie küssen sich. Gitai fegt exaltiert jede Diplomatie, jede militärische Überschattung vom Tisch, läßt die Menschen Menschen sein. Selbstverständlich eine Utopie. Er stellt sie in den Raum mit der Frage: »Warum nicht?« Ja, warum nicht? So trocken und kühl Trennung funktioniert, so menschlich bleibt er doch stets. Gitai ist mutig, stellt sein Happy Ending an den Anfang und tut einen Teufel, sich auf irgendeine Seite zu schlagen. Uli wird es sein, der die Räumungstruppen anführen wird, der die Tochter seiner eigenen Schwester aus ihrer Welt reißen wird. Blitzschnell werden aus Privatpersonen Schachfiguren einer abstrusen Hierarchie, die man zwar infragestellen kann, doch die viel zu weit getrieben wurde, als daß es ein Zurück geben könnte. Aus dieser haltlosen Überfrachtung der Emotionen brechen wie Schockzustände Bilder der Freude und des Leids in den Fokus der Kamera. Es ist ein berührendes Dokument des Suchens und Findens, das in aller Stärke mit Bedacht seinem Thema gerecht wird.

Gitais Trennung ist ein großartiger Film, dessen schleppende Passagen nicht redundant, sondern absolut notwendig sind, um letztendlich im Gesamten die Macht des Kinos mit Eindruck zu kristallisieren. Fernab jedweder Erwartungshaltung und doch völlig stringent erzählt. Juliette Binoche ist selbstverständlich die europäische Komponente, die uns bei der Hand nimmt und im finalen Kapitel mitten drin ist in einer Realität, die hierzulande medial verpackt lediglich in den 15 Minuten wohlgesättigt konsumierter »Tagesschau« vorbeirauscht. Doch die Fakten bleiben im Film sekundär, es geht um den Vorgang per se. Die heile Welt eines Kräutergartens, ein kleines beschauliches Refugium voller bürgerlicher Sicherheit und Ruhe, wird jäh zerstört; auf der Tonspur treffen die Räumungstrupps ein, und die Kamera fährt nach draußen, ihnen nach. Aus dem Tumult hören wir den Leiter der Operation: »Eins!«

Wir wissen, was nun passiert. Es gibt kein Entkommen, die Plexiglaskette bahnt sich ihren Weg, entwurzelt die Bewohner. In einem Take. 2008-09-22 15:22

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap