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Was am Ende zählt

D 2007. R,B: Julia von Heinz. B: John Quester. K: Daniela Knapp. S: Florian Miosge. M: Matthias Petsche. P: Credofilm, WDR u.a. D: Paula Kalenberg, Marie-Luise Schramm, Vinzenz Kiefer, Martin Ontrop u.a.
100 Min. Zorro ab 1.5.08

Patchwork der Gefühle

Von Sebastian Gosmann Ein Mensch im Aufbruch. Voller Vorfreude steigt Carla in den Nachtzug nach Lyon. Sie will dort auf eine Modeschule gehen. Sie hat ihr schönstes Kleid angezogen, Lippenstift aufgetragen. Doch noch vor der Abfahrt machen Trickdiebe den Traum der Ausreißerin zunichte. Es sollte auch eine Flucht sein – vor ihrem alkoholkranken Vater und dem ständigen Erinnertwerden an das Leid, das ihre kürzlich verstorbene Mutter viel zu lang ertragen hatte. Weil sie nicht in der Lage war, sich zu lösen, sich zu bewegen, aufzubrechen in ein anderes, besseres Leben. Nichts scheint die minderjährige Carla mehr zu fürchten als Stillstand, als das zwanghafte, regungslose Verharren in krankmachenden sozialen Umständen. Daß ausgerechnet sie nun – ohne eigene Garderobe und schwanger – in einer verdreckten Plattenbauwohnung am Rande Berlins festsitzt, kommt somit einem biographischen Super-GAU gleich. Bei ihr ist die zwanzigjährige Lucie, die sich als Mutterersatz für ihr Baby angeboten hat. In deren Abhängigkeit von ihrem frisch aus der Drogentherapie entlassenen, phlegmatischen Bruder Michael spiegelt sich für Carla das Schicksal ihrer Mutter. Als sie irgendwann weiterziehen will, kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall, der Lucie endlich zur dringend notwendigen Kursänderung bewegt.

Mit einem bemerkenswerten Gespür für die authentische Darstellung komplexer Beziehungsstrukturen führt Regisseurin und Co-Autorin Julia von Heinz ihre weiblichen Hauptfiguren behutsam zueinander. Immer wieder ruht die Kamera dabei auf dem ausdrucksstarken Gesicht Paula Kalenbergs, in deren akzentuierter Darstellung der Carla sich eine außerordentliche schauspielerische Bandbreite offenbart. Zudem harmoniert sie derart gut mit der erfrischend natürlich agierenden Marie-Luise Schramm, daß der Zuschauer zu keiner Zeit ernsthaft an der Gewissenhaftigkeit der beiden Protagonistinnen zweifelt. Nur so ist es der talentierten Regisseurin möglich, die Akzeptanz des Zuschauers für ein solch ungewöhnliches Familienkonzept zu gewinnen. 2008-04-25 11:05
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