— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Blöde Mütze!

D 2007. R,B: Johannes Schmid. B: Michael Demuth. K: Michael Bertl. S: Thomas Kohler. M: Michael Heilrath. P: Kinderfilm D: Johann Hillmann, Konrad Baumann, Lea Eisleb, Inka Friedrich, Stephan Kampwirth, Claudia Geisler, Andreas Hoppe, Inga Busch, Butz Buse, Monica Jasminka Ivancan, Miriam Schweiger u.a.
95 Min. Farbfilm ab 24.4.08

Freiwillige Selbstkontrolle

Von Jakob Stählin Eigentlich beginnt alles mit einer kleinen Liebesgeschichte oder besser: dem nicht zuzuordnenden Gefühl eines Kindes, das voller Verwirrung halbnackte Frauen in seinen Tagträumen herumgeistern sieht. Martin, ein schüchterner Sechstkläßler mit einer intakten Familie ist neu in der Klasse, versucht Anschluß zu finden und freundet sich mit der selbstbewußten Silke an. Irgendwas in ihm regt sich, obwohl seine neue Freundin stets etwas unnahbar wirkt. Denn Martins erster Schwarm ist die Sorte Mädchen, die ihre alleinerziehende Mutter mit Vornamen anspricht und zudem jene Selbständigkeit verkörpert, die es leider so häufig bei Filmknirpsen zu sehen gibt. So dreht es sich auf der Leinwand oft um Jungspunde, die danach streben, das Sagen zu haben, sich zu emanzipieren. Jedoch wird die Reife häufig nicht entwickelt, woraus seltsam anmutende Charaktere resultieren, die unerschrocken handelnd über die Leinwand stolzieren, als hätten sie schon alles erlebt. In den Kinofoyers sieht das ganz anders aus: Die Kinder, die dort herumtollen und aufgeregt ihr Popcorn durch die Luft werfen, haben meist wenig mit den Jungs und Mädels auf den Plakaten gemein.

Viel zu früh im Leben kommt der Punkt, an dem die freiwillig angestrebte Selbstbestimmung harte Verantwortung wird, und Blöde Mütze berichtet genau davon: dem Moment, da die Eltern nicht mehr die einzige Instanz sind. Regisseur Johannes Schmid benutzt in seinem Kinodebüt die anfängliche Romanze als Einstieg in diese von Thomas Schmids gleichnamigem Roman adaptierte Geschichte, die von Abhängigkeit handelt: im positiven wie im negativen Sinn. Martin ist zunächst ein unerwünschter Eindringling in das Revier von Silkes Kumpel Oliver, das dem als Rückzugsort von seinem zerbrechenden Elternhaus dient. Seine aufgestauten Probleme, die er mit Zigaretten und Alkohol verarbeitet, stellen das komplette Gegenteil zur Kontinuität der heilen Welt Martins dar, der mit warmherziger Sensibilität weitergibt, was er zuhause mitbekommen hat. Die Beziehung der drei Kinder zueinander ist geprägt von unterschiedlichen Erfahrungswerten, und so ist es ein Film über die Ergiebigkeit von Freundschaft durch Vertrauen geworden. Blöde Mütze schafft ebensowenig platte Vorbilder wie klare Kritikpunkte. Oliver raucht nicht, um cool zu sein, sondern weil er seine Lage ertragen möchte. Diese wird in den leider meist handlungsvorantreibenden Szenen bis zum Finale dramatisiert, jedoch von einigen stillen Momenten kontrastiert, denen etwas weniger Musikeinsatz gutgetan hätte – denn die hier behandelten Themen sprächen für sich selbst, sind alltägliche. Die jungen Schauspieler transportieren diese ihren Möglichkeiten entsprechend mal glaubwürdig, mal etwas hölzern. So spielen sie sich durch ein Szenario, das letztlich an einem leichten Mangel an Details leidet. Gerne hätte man mehr Zeit mit den Kindern als Einzelpersonen verbracht. Die klaren Strukturen führen jedoch auch auf direktem Weg zu nachvollziehbaren und fern von Sensation agierenden Charakteren, die letztlich trotz allem die Stärke von Blöde Mütze darstellen. Da sich Schmid Zeit für seine drei Hauptdarsteller als Einheit nimmt und den Fokus auf ihre gemeinsame Entwicklung legt, folgt man ihnen gerne auf die erste Stufe der Adoleszenz: Erste Liebe und bewußte Verstöße gegen die Regeln der Eltern – die verblüfft feststellen müssen, daß ihre Erziehung Früchte trägt: in einem freien Geist. 2008-04-22 12:01

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap