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Neandertal

D 2006. R,B: Ingo Haeb. R: Jan-Christoph Glaser. K: Ralf M. Mendle. S: Sarah Levine. M: Jakob Ilja. P: Medienfonds GFP, Peter Rommel u.a. D: Jacob Matschenz, Andreas Schmidt, Johanna Gastdorf u.a.
105 Min. Farbfilm ab 24.4.08

Häutung mit Hindernissen

Von Marieke Steinhoff »Es gibt einen einfachen Grund, warum man sich kratzt – man muß es einfach tun.« So lakonisch faßt der 17jährige Guido zu Beginn des Films seinen ständigen Begleiter, die Hautkrankheit Neurodermitis, zusammen. Vom nervtötenden Kratzgeräusch bis hin zu expliziten Nahaufnahmen aufgeschabter, blutiger Haut – Neandertal verschont sein Publikum nicht, wenn es darum geht, das Leiden von Guido fühlbar zu machen.

Gab es schon mal Filme über Hautkrankheiten? Deformierungen der Haut sieht man ja gerne und häufig im Horrorfilm, selten aber in anspruchsvollen Unterhaltungsfilmen, die sich dem Primat des Realismus unterwerfen und nicht mit gruseligen Wesen aus anderen Welten punkten wollen. Nun aber das: Ein Coming-of-Age-Film, in dem nicht die üblichen Pickel- und Gewichtsprobleme diskutiert werden, sondern das beständige Jucken, Schmerzen und Aufplatzen von ganzen Hautpartien. Und genau diese Kombination aus schmerzhafter Abnabelung und einer Krankheit, die jegliche seelische Befindlichkeiten nach außen sichtbar werden läßt, erweist sich als Glücksfall für einen Film, der ansonsten recht konventionell das typische »Ablösen/Umwandeln mit Hilfe von Grenzüberschreitungen/Wiedereingliedern«-Modell des Genres bedient.

Ort allen Übels ist natürlich die Enge der Familie, Hort der Sprachlosigkeit und unterdrückten Emotionen. Guido spürt die Differenzen zwischen seinen Eltern, und seine fehlende seelische Abgrenzungsfähigkeit äußert sich in heftigen Krankheitsschüben, die ihm sein ansonsten recht normales Schülerleben erschweren. Der Ausbruch in die Stadt erweist sich als Wendepunkt; hier trifft Guido auf den rücksichtslosen und spaßorientierten Tagelöhner Rudi, der zu seinem Lehrmeister in Sachen gesundem Egoismus und Abgrenzung wird. Im Zuge der neugewonnenen Freiheit verschwinden die Hautprobleme, und mit dem veränderten Äußeren ändert sich auch das Selbstbewußtsein von Guido, der trotz einiger herber Schicksalsschläge am Ende als gesunder junger Mann zu seiner Familie zurückkehrt.

Auch wenn die Schlußfolgerung »erfolgreiche Abnabelung = gesunde Haut« ob ihrer Einfachheit kritisierbar ist, bleibt Neandertal ein vielschichtiger Jugendfilm, der mit einem mitreißenden Soundtrack und stimmungsvollen Momentaufnahmen die Sehnsüchte und Ängste seines Protagonisten zu vermitteln weiß und keine Scheu hat, die kaputte Hautoberfläche zum zweiten Protagonisten seines Films zu machen. 2008-04-18 11:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.
© 2012, Schnitt Online

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