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Der fliegende Händler

Le fils de l'épicier. F 2007. R,B: Eric Guirado. B: Florence Vignon. K: Laurent Brunet. S: Pierre Haberer. M: Christophe Boutin. P: TS Productions, Rhône-Alpes Cinéma u.a. D: Nicolas Cazalé, Clotilde Hesme, Jeanne Goupil, Daniel Duval u.a.
96 Min. Arsenal ab 24.4.08

Das Leben rollt weiter

Von Ekaterina Vassilieva Die ödipale Konstellation, die im französischen Originaltitel Le fils de l'épicier (»Der Sohn des Händlers«) noch deutlich mitschwingt, ist bei der deutschen Titelgebung leider völlig getilgt worden. Sie bildet jedoch die eigentliche Spannungsachse des Films, auch wenn es zur direkten Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn nur in ein paar kurzen Momenten kommt. Die Handlung beginnt sogar dort, wo die ödipale Beziehung zu Ende sein könnte, nämlich mit dem Ausscheiden des Vaters aus dem Leben, und sei es auch noch nicht endgültig. Jedenfalls wird Antoines Vater mit einer ernsten Herzerkrankung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Familie scheint sich mit der Möglichkeit des letalen Ausgangs bereits abgefunden zu haben, und die Pläne für »ein Leben danach« werden geschmiedet. Für die Mutter steht fest, daß Antoine die Stelle des nun abwesenden Vaters einnehmen soll. Gemeint ist dabei vor allem die leitende Position im Familienbetrieb, dem dörflichen Lebensmittelladen. Für Antoine bedeutet das zunächst den Rückfall in die eigene problematische Vergangenheit und das verkrustete Dorfleben, vor dem er als Jugendlicher in die Stadt geflohen war. Die illustren Typen, die er auf seinen Verkaufsfahrten durch die südfranzösische Landschaft kennenlernt, mögen dem Filmzuschauer Vergnügen bereiten, Antoine selbst ist von dieser ethnographischen Schau wenig begeistert und muß sich darüberhinaus dem erniedrigenden Vergleich mit dem Vater unterziehen, der – natürlich – den Handel ganz anders betrieben hat. Kaum hat er mit Hilfe seiner aus der Stadt mitgebrachten Nachbarin Claire den Laden wieder einigermaßen ins Rollen gebracht (auch ganz buchstäblich), eskaliert die Situation durch das Auftreten des notorisch gereizten älteren Bruders und, etwas später, des aus dem Krankenbett entlassenen Vaters. Eine erneute Flucht in die Stadt, wo er mit seinen Träumen schon einmal gescheitert ist, kommt für Antoine nicht mehr in Frage: Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen und sich auf dem Terrain seiner Vorfahren zu behaupten…

Das Problem der patriarchalen Kontinuität, die sich durch den ganzen Film zieht, macht die weiblichen Figuren fast überflüssig. Sie beteiligen sich nicht am zentralen Konflikt und dienen bestenfalls dazu, durch ihre Zuneigung bzw. Abwendung den aktuellen symbolischen Wert des Mannes zu indizieren. So muß der Film, indem er die Unterhaltungsintention durch zusätzliche amouröse Handlungstränge unterstützt, leider viel zu oft auf der Oberfläche der gewählten Thematik bleiben. 2008-04-18 11:54

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.
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