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Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam

D 2008. R,B: Peter Lilienthal. K: Carlos Aparicio. S: Julian Isfort. M: Seraphim. P: steelecht, Filmwerkstatt Münster.
84 Min. Filmwerkstatt Münster ab 24.4.08

Bin ich ein guter Mensch?

Von Daniel Bickermann Peter Lilienthal läßt in seiner neuen Dokumentation die Gelegenheit aus, einen flammenden Antikriegsappell herauszuposaunen und zeigt stattdessen ein gesellschaftliches Paradox, das sich in einer Situation wie dem Irakkrieg plötzlich offenbart: Das im besten Fall angespannte Verhältnis zwischen einer demokratischen Gesellschaft und dem Militär mit seinen notwendigerweise undemokratischen Strukturen kippt in dem Moment, da die Soldaten nicht mehr sicher sind, für die richtige Sache zu töten und zu sterben – und dann zersetzen sich die beide Systeme gegenseitig. Mit solchen und ähnlichen Gedankengängen beweist Lilienthal eine Reife und Durchdachtheit, die im politischen Dokumentarfilm selten geworden ist. Wie wunderbar, einen Filmemacher zu sehen, der selbstbewußt und souverän genug ist, auch Widersprüche zuzulassen.

Aus den Materialmassen schält er zwei Aspekte heraus, die bei der Betrachtung dieses inzwischen fünf Jahre andauernden Krieges tatsächlich noch unerzählt sind. Zum einen ist da der Migrationshintergrund seiner Protagonisten: In Zeiten, da nicht nur Immigranten, sondern zunehmend auch Rekruten aus lateinamerikanischen Staaten in den USA für diesen Krieg ausgebildet werden und ihn auch stellvertretend ausfechten, ist dies ein Thema von hoher politischer Sprengkraft. Doch auch hier behält Lilienthal eine ruhige Hand und erzählt sensibel die Hintergründe der Vätergeneration, die noch von Bürgerkriegen und illegalen Grenzüberschreitungen geprägt sind und von dem nicht eingelösten Versprechen eines besseren Lebens in Amerika.

Der zweite Aspekt, den Lilienthal zeigt, sind die gegenläufigen Kurven medialer und persönlicher Aufarbeitung: Zwei der Protagonisten gehörten zu den ersten Angehörigen und Kriegsaktiven, die ihren Widerstand öffentlich machten. Dies hatte eine Medienkampagne zufolge, die beider Leben veränderte: Der eine spürte dem Tod seines Sohnes mit einem Kamerateam nach, der andere wurde als Kriegsverweigerer schweren Anfeindungen ausgesetzt. Damals suchten sie die Gegengesellschaft im Privaten, in Selbsthilfegruppen und an Schulen. Inzwischen ist die Gegengesellschaft Mehrheit, und was den einstigen Vorreitern bleibt, ist das Private, das ihnen damals verwehrt wurde: Sie kehren zurück an die Schulen und zur Hilfe für Gleichgesinnte. Dort aber warten einige neue, zweifelnde Fragen: Habe ich meinen persönlichen Verlust für die Öffentlichkeit instrumentalisiert? Habe ich wirklich aufgrund meines Gewissens verweigert? Eine Antwort erhalten sie nicht, aber die Fragen allein zeigen, daß Lilienthals Helden nicht als Posterikonen taugen, gottseidank, sondern nachdenkliche, fühlende Menschen sind. Die öffentliche Aufarbeitung haben sie hinter sich, die private beginnt gerade erst. 2008-04-18 11:30

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.
© 2012, Schnitt Online

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