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Die Geschwister Savage

The Savages. USA 2007. R,B: Tamara Jenkins. K: W. Mott Hupfel III. S: Brian A. Kates. M: Stephen Trask. P: Fox Searchlight Pictures, Lone Star Film Group u.a. D: Laura Linney, Philip Seymour Hoffman, Philip Bosco u.a.
113 Min. Fox ab 24.4.08

Der Dreigroschen-Opa

Von Eva Tüttelmann Jon: »Was nimmst du da?« / Wendy: »Antidepressiva. Solltest du auch nehmen. Die sind gut!« / Jon: »Die brauch’ ich nicht zu nehmen. Ich bin nicht depressiv.« / Wendy: »Ja klar…«

Wendy glaubt ihrem Bruder nicht. Ich auch nicht. Jon Savage (hinreißend: Philip Seymour Hoffman) stellt so etwas wie einen echten Trübsal-Paradekandidaten dar: Er ist promovierter Geisteswissenschaftler, lehrt Theaterwissenschaft an der Universität Buffalo und arbeitet akribisch an seinem Buch über Bertolt Brecht. Nach eigenen Angaben hat er ordentlich zugelegt in den letzten Jahren, und beziehungstechnisch geht es ihm ziemlich mies, denn das Visum seiner langjährigen polnischen Freundin ist abgelaufen, und da er sie aus lauter Bindungsangst nicht heiraten will, muß man sich schweren Herzens trennen. Wendys Situation ist ähnlich verfahren. Sie schreibt Stücke mit autobiographischem Hintergrund, für die sie sich regelmäßig erfolglos um Stipendien bewirbt, muß sich mit stupiden Jobs über Wasser halten, hat eine bedrückende Liaison mit einem verheirateten Mann und nur eine wirklich tiefe Beziehung zu ihrer Katze. Wendy ist sich der Tatsache bewußt, daß sie einsam ist mit ihrem Single-Künstler-Großstadt-Leben. Jon nimmt es eher männlich-rational: Wozu sich darüber den Kopf zerbrechen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Tamara Jenkins erzählt eine Geschichte, die lange zurückliegt, ohne sie je explizit aufzurollen: Nie erfahren wir wirklich, was Wendy und Jon in ihrer Kindheit widerfahren ist, weder durch Rückblenden noch durch Erzählungen. Es gibt Andeutungen, die Rückschlüsse provozieren, aber nie bestätigt werden. Jenkins zeigt uns nur das Hier und Jetzt: Zwei erwachsene Menschen, deren Leben durchzogen ist von vergangenen Erfahrungen, die manipulativ ihren Alltag vergiften; zwei Menschen, die keine Bindung zulassen können, obschon sie sich doch nichts sehnlicher wünschen. Und so vergraben sich Lenny Savages’ Sprößlinge in ihrer Arbeit, streben nach Anerkennung dort, wo Leistung und nicht Emotion zählt. Als Lenny Savage plötzlich auf sich allein gestellt ist und in seinem stepfordschen Seniorenkäfig auf erstaunlich bildhafte Weise zum Ausdruck bringt, daß er seine Situation beschissen findet, müssen Wendy und Jon ihrer Vergangenheit ins Auge blicken und helfend eingreifen. Sie holen ihren Vater im sonnigen Arizona ab und nehmen ihn mit an die winterlich triste Ostküste. Sonnenlicht und warme Farben leiten Jenkins’ Film ein, bleiben jedoch spärlich in der Anfangssequenz verhaftet; der übrige Film ist wie durch einen grauen Schneeregenschleier fotographiert, hin und wieder abgelöst durch das Neonröhrenweiß des trostlosen Heimzimmers, in dem Lenny nun sein Dasein fristet.

Der heikle Stoff um die Demenzerkrankung eines Menschen, dessen größte Leistung darin bestand, anderen das Leben schwer zu machen, läßt auf einen bedrückenden, trüben Film schließen. Jenkins’ Werk jedoch verknüpft gefühlvoll Themen wie Demenz, Depression, Schuld, Tablettenmißbrauch und Ehebruch, ohne melodramatisch überladen zu sein, und ist gleichzeitig leichtfüßig, humorvoll und charmant, ohne den ernsthaften Kontext durch komödiantische Elemente herunterzuspielen. Philip Seymour Hoffman bewegt als gefaßter Kopfmensch, der nur heimlich weint, und Laura Linney brilliert als hysterische, restlos überforderte Enddreißigerin, die nie nervig oder bemitleidenswert wirkt, weil sie uns einfach ein bißchen ähnlicher ist als wir es wahrhaben wollen. 2008-04-18 11:30

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