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Unschuld

D 2008. R: Andreas Morell. B: Kai Hafemeister. K: Felix Cramer. S: Dirk Schreier. M: Enis Rotthoff. P: Novapool Production, novapool artists. D: Nadeshda Brennicke, Kai Wiesinger, Leslie Malton, Ronald Kukulies, Young-Shin Kim, Luise Berndt, Yevgeni Sitokhin, Aylin Tezel, Jacob Matschenz, Tobias Oertel, Michael Kind u.a.
94 Min. Stardust ab 18.9.08

Night on Earth

Von Daniel Bickermann Die Anfangsszene täuscht und täuscht auch wieder nicht. Eine asiatische Frau spült eine Schale Asche in den Abfluß – einen Fingerhut voll streut sie auf ein Reisbällchen und ißt es. Die Toten sind fort und bleiben doch in uns, denkt man. Die Szene führt auf eine falsche Fährte, weil dieses so distinguiert wirkende Ritual zwischen einer Straßennutte und ihrer ermordeten Schwester stattfindet und direkt gefolgt wird von einer brutalen Zurechtweisung ihres Zuhälters; und sie sagt doch viel über den Film aus, weil die traurige Würde, die den Figuren hier ganz unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit zugesprochen wird, sich durch den ganzen Film zieht.

Regisseur Andreas Morell, zur Abwechslung mal ein Spezialist für Musikfilme und Dokumentationen, der sich hier in den abendfüllenden Spielfilm traut, schafft ein seltenes Kunststück im deutschen Kino, das er denn auch gleich im Titel verewigt hat: Sein Film schwimmt in Unschuld. Man spürt die großäugige Neugier des Filmemachers, seine wertfreie Faszination für die Bedrohung, aber auch die Magie der Großstadt, die so unterschiedliche Menschen in so verwirrenden Situationen zusammenwirft. Es sind die Nächte unter Neonleuchten, an Bushaltestellen und vor Leuchtreklamen, die hier gezeigt werden, die Goldenen Stunden der Abenddämmerung, die pechschwarze Nacht und die Unsicherheit des Sonnenaufgangs – die Zeit der kryptischen Vorahnungen, von denen man nicht weiß, ob sie Glück oder Untergang verheißen. Unschuld ist ein Personenpuzzle geworden, es geht um Vorgeschichten, die wir mit uns herumschleppen und Vorahnungen, die uns den Augenblick verderben; und natürlich geht es um die Große Liebe, die immer beschworen wird und manchmal doch nichts als Blödsinn ist und manchmal gefährlich und manchmal ganz einfach. Die Grenze zwischen Zärtlichkeit und Obsession ist erschreckend dünn und schält sich erst nach und nach aus dem Nebel der Vorahnung.

In den stärksten Momenten erzählt Unschuld seine Szenen stumm und subtil und arbeitet verstärkt mit Gesten, Gesichtern, Situationen: Das lange Zögern nach der Vollbremsung, die ein Busfahrer vor einem Mädchen mit blutverschmiertem Nachthemd auf der Landstraße hinlegen muß; die Annäherung in einer Bar, die unbeantworteten Fragen, die im Raum hängen; ein unverständliches Flüstern ins Ohr und der darauffolgende Blickwechsel. Wenn die Figuren dann doch mal sprechen, klingt es oft prätentiös, deswegen hört der Film manchmal nicht hin, filmt durch Glas oder aus weiter Ferne, schaut den Figuren neugierig bei ihren hilflosen Versuchen zu, sich zu artikulieren. Das liegt vielleicht auch daran, daß die Schauspieler nicht immer mit den eher hölzernen Dialogen klarkommen, die zu viele Gefühle zu schnell vermitteln wollen. Es ist egal: Die Stimmung trägt den Film, eine leise Melancholie verklebt die Sprünge durch Zeit und Raum und Personal zu einer eleganten Rundfahrt. Und manchmal trifft man sogar die ganz leise Poesie, wenn man gerade von etwas ganz anderem redet, von Leberflecken zum Beispiel, die aussehen wie Spiegeleier oder Erdbeeren. Auch das Gespür für feine Musik hat Morell nicht verlassen: Enis Rotthoffs außergewöhnlicher Score klingt klassisch und doch modern, unruhig und doch elegant, schwankt zwischen Streichquartett und TripHop und bleibt immer eine Bereicherung.

So ergibt sich eine filmische Sammlung von Kurzgeschichten, manche davon origineller als andere, von denen sich die meisten zwischen Männern und Frauen abspielen. Es hätte den Film gestärkt, wenn Kai Hafenmeister in seinem etwas zu lang geratenen Drehbuch nicht alle Fäden an einem bestimmten Punkt hätte zusammenziehen müssen. Aber angesichts einer selten souveränen Eleganz in der Inszenierung sind solche Einwände bald vergessen. Schwebend, vielleicht sogar ein bißchen high, fährt die Kamera durch diese kleinen Vignetten, blinzelt angesichts der verkaterten Farben und der müden Zeitlupen, wie ein selbstsicherer Liebhaber, der durch die Stadt streift, oder wie einer von Wenders’ Berliner Engeln, seltsam entrückt von jeglicher Wertung oder Einmischung. Es ist, wie es ist. Und siehe da: Es ist gut. 2008-09-17 15:34
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