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Gilles

Buitenspel. B 2005. R: Jan Verheyen. B: Ed Vanderweyden. K: Danny Elsen. S: Philippe Ravoet. M: Jan Leyers. P: Menuet Producties, SCOPE Invest D: Ilya Van Malderghem, Joke Devynck, Filip Peeters, Pauline Grossen, Peter Bulckaen, Willy Manzi Kabera, Kris Piekaert, Ninke Gryp, Dirk van Dijck.
85 Min. Alpha Medienkontor ab 17.4.08

Von Jungs für Jungs

Von Kristina Schilke Disney hätte einige arbeitslose Orchestermusiker von der Straße geholt und gut bezahlt. Wenn Disney diesen familiengerechten Kinderfilm gemacht hätte und nicht der Belgier Jan Verheyen, schon erfahren in Fußball- und Jugendfilmen, wäre beinahe jede Minute unterlegt worden mit abwechselnd putziger oder liebevoller oder melancholischer oder schmalzig schleimiger Orchestermusik. Hätte Disney diesen Film gemacht, wäre so vieles anders. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Scouts des Millionenunternehmens diese kleine feine Produktion noch nicht gesehen und demnach ein amerikanisches Remake geplant haben.

Das Potential ist da. Auf dem Papier hört sich die Geschichte von Gilles nach perfektem Zuckerwattekino an. Zuckerwatte mit mildem Vanillegeschmack. Der zwölfjährige Gilles ist fußballkrank, sein Vater ist noch fußballkränker. Doch da die eigene Karriere nicht geklappt hat und er jetzt einen Gemüseladen führt, feuert er den Jungen übertrieben euphorisch bei jedem Spiel an. Das große Ziel beider ist es, daß Gilles bei den »Roten Teufeln«, also der belgischen Jugend-Nationalmannschaft, aufgenommen wird. Doch unerwartet stirbt der Vater, und Gilles muß ohne seinen wichtigsten Mentor weiterhin Fußball spielen, mit seiner Mutter und deren neuem Freund zurechtkommen und mehr Verantwortung für seine kleine Schwester übernehmen. Dazu kämpft er mit zunehmend schlimmeren Schmerzen in seinem rechten Knöchel, dem Fuß, mit dem er seine Tore schießt. Abhilfe schafft die konsequent sture, in ihn verliebte Apothekertochter, die Gilles nur dann Kortisonsalbe für seinen Knöchel aushändigt, wenn er sie vorher küßt. Als politisch korrekte Anhängsel kommen noch der geistig behinderte Arbeiter im Gemüseladen hinzu, für den sich Gilles einsetzt, und Gilles bester Freund aus der Mannschaft, der schwarze Désiré.

Klingt alles bekannt, und vielleicht ist die Geschichte um verpatzte Jugendträume und Freundschaft auch schon mal erzählt worden für Kinder, aber sicher selten so ausgereift und unerwartet unsentimental wie bei diesem, zurecht mit mehreren Kinderfilmpreisen prämierten kleinen Etwas aus Belgien. Schon die Sterbeszene des Vaters überrascht durch ihre Plötzlichkeit (ironischerweise erleidet er einen Herzanfall, als er Gilles cholerisch für ein Spiel anfeuert) und ihre schnelle Abhandlung (schon im nächsten Augenblick folgt die Beerdigung) sowie letztendlich ihr völliges Fehlen an Schmalz, den man sich von der Leinwand streichen könnte. Nur einen schön melodischen Popsong erlaubt man sich bei diesen Minuten. Weiterhin kann man dem jungen Hauptdarsteller Ilya Van Malderghem eine natürliche und kraftvolle Vorstellung bescheinigen. Auch die Probleme mit der Mutter, die nicht ewig als verschlossene Witwe lebt, sind keinesfalls weich gemalt. Gilles wird sogar mit ihrer Sexualität konfrontiert, als er sie mit dem neuen Mann in der Dusche sieht.

Einen alten Kunstgriff kann sich der Regisseur jedoch nicht verkneifen: Noch Monate danach erscheint dem Jungen der tote Vater, gibt ihm Fußballtips und spielt mit ihm als übertriebene Krönung in einer Mannschaft von verstorbenen berühmten Fußballern. Ein wenig gerettet wird dieser Teil nur dadurch, daß das Erscheinen des Vaters klar als Einbildung entlarvt wird. Leider ist auch die dargestellte Welt rein äußerlich etwas zu sauber geraten, sogar zuhause trägt die Mutter Absätze und schicke Röcke wie Blusen. Doch ansonsten läßt sich nichts mehr Schlechtes über einen Kinderfilm sagen, der unaufdringlich Toleranz predigt, mit einem genreuntypischen Ende aufwartet und dazu noch für Eltern beim Familienfilmabend keinesfalls eine Qual bedeutet. 2008-04-11 15:45
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