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Khadak

B/D/NL 2006. R,B: Peter Brosens, Jessica Woodworth. K: Rimwidas Leipus. S: Nico Leunen. M: Michel Schopping. P: Lemming Film u.a. D: Khayankhyarvaa Batzul, Byamba Tsetsegee, Banzar Damchaa u.a.
103 Min. Farbfilm ab 17.4.08

In Schutt und Asche

Von Marieke Steinhoff Die Lastwagen des Militärs tauchen wie schwarze Ungeheuer am Horizont der mongolischen Steppe auf. Im Innern der Fahrzeuge sitzen zusammengekauert einige Nomadenfamilien, die aufgrund einer angeblichen Viehseuche ihre Jurten verlassen mußten und in Bergarbeiterstädte umgesiedelt werden sollen. Sie werden Zeugen einer weiteren Entwurzelung: Eine langsame Parallelfahrt zeigt, wie der Hirtenjunge Bagi und seine Familie aus ihrem traditionellen Lebenskontext vertrieben werden; Möbelstücke werden herausgetragen, das Vieh aus dem Gatter gescheucht, der Großvater auf einem Stuhl davongeschleppt. Was bleibt, nachdem die Lastwagen abgezogen sind, ist ein zerstörtes Grundstück, verstreuter Hausrat, ein erschossenes Pferd.

Zwangsumsiedlungen, die Zerstörung traditioneller Lebensweisen und die negativen Konsequenzen einer unkontrollierten Industrialisierung sind die vordergründigen Themen von Khadak, in dem nach Die Geschichte vom weinenden Kamel und Tuyas Hochzeit ein weiteres Mal das Augenmerk auf das Leben mongolischer Nomaden gerichtet wird. Zu Beginn fühlt man sich dann auch sehr an die Vorgänger erinnert: lange Einstellungen, eine ruhige, fast bewegungslose Kamera, die magische Naturbilder einzufangen weiß und den Zuschauer eintauchen läßt in dieses uns so ferne Leben.

Doch dann die Vertreibung und mit ihr neue Bilder: Anstelle von endloser Weite die Hochhäuser der Bergarbeiterghettos; Pferde werden durch Motorräder, Menschen durch Maschinen, Schamanismus durch das Christentum ersetzt. Im Mittelpunkt steht der 17jährige Bagi, dem eine besondere Gabe mitgegeben wurde: Er besitzt schamanistische Fähigkeiten, kann Tiere über große Distanzen wahrnehmen und Ereignisse voraussehen. Zu Beginn verschließt sich Bagi noch seiner Berufung, die Tristesse des neuen Lebensumfeldes zwingt ihn aber dazu, seine Entscheidung zu revidieren.

Die Regisseure Peter Brosens und Jessica Woodworth finden intensive und poetische Bilder für Bagis Schamanenreise, in welcher er sich auf die Suche nach den Tieren der Nomadenfamilien begibt, und scheuen sich nicht, dafür aus der ansonsten recht stringenten Narration auszubrechen. Am Ende überrascht Khadak mit performativen Szenen voller Wucht und Leidenschaft, die einen beginnenden Aufstand unter den jugendlichen Umsiedlern andeuten. Vision und Realität kulminieren in einem fulminanten Finale: Surreal anmutende Szenen und eine bemerkenswerte Filmmusik reißen den Zuschauer mit und lassen ihn teilhaben an dieser Revolution der Jugend, bei der man nicht weiß, inwiefern sie eine innere bleibt.

Die Identitätssuche Bagis, der, hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne, nicht mehr weiß, wo er eigentlich steht, bricht die großen gesellschaftlichen Themen auf eine persönliche Ebene herunter und ermöglicht so einen sehr emotionalen Zugang zu den Geschehnissen.
Erfreulich ist auch, wie es Brosens und Woodworth (beides »Westler« ohne direkten Bezug zur mongolischen Kultur) gelingt, mit einer Kunukschen Selbstverständlichkeit Bagis schamanistische Visionen als real stattfindende Ereignisse darzustellen und sie somit ohne distanzierende Vorbehalte in kraftvolle Bilder zu übersetzen, die den Zuschauer zum Teilnehmer werden lassen statt zum Beobachter einer ihm fremden Kultur. 2008-04-11 13:05

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