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Actrices – oder der Traum aus der Nacht davor

F 2007. R,B,S: Valeria Bruni Tedeschi. B,D: Noémie Lvovksy. K: Jeanne Lapoirie. S: Anne Weil. P: Fidélité Prod. D: Valeria Bruni Tedeschi, Louis Garrel, Marisa Borini, Valeria Golino, Maurice Garrel u.a.
108 Min. Piffl ab 17.4.08

Eine Frau sieht rot

Von Esther Busse Es fehlte nicht viel, und sie wäre eine »woman under the influence«. Die launenhafte Schauspielerin Marcelline schwankt zwischen hysterischen Übersprungshandlungen und hilflosem Aufbegehren – eine Krise, die nach einem angemessenen Ausdruck sucht. Man muß an John Cassavetes’ Opening Night denken, ähnlich wie dessen Heldin Myrtle Gordon rebelliert Marcelline vehement gegen ihre Bühnenrolle und damit indirekt gegen sich selbst. Immer wieder stößt sie ihre Figur – es ist Natalja Petrowna aus Turgenjews »Ein Monat auf dem Lande« – von sich weg, anstatt sich ihr anzunähern. Die Bühne ist ein Spiegel des Lebens und umgekehrt. »Draußen«, im »richtigen« Leben, findet Marcelline noch weniger Boden unter den Füßen. Phantome und Tote erscheinen: Natalja Petrowna, der tote Vater oder eine alte Liebe. In der Kirche bittet sie die heilige Jungfrau darum, die Liebe zu finden, aber am nächsten Tag nimmt sie ihr Gebet zurück. Die alarmierenden Worte ihrer Gynäkologin haben ihr zugesetzt, jetzt wünscht sie sich regelrecht panisch ein Kind. Die Auflösungserscheinungen Marcellines setzen sich in einer Erzählung fort, die nicht auf den Punkt kommen will, mal in diese oder jene Richtung mäandert und alle anderen Figuren – vom Regisseur bis zur Assistentin – mit Chaos anzustecken scheint.

Die wunderbare Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi hat sich in ihrer zweiten Regiearbeit eine verschrobene Rolle geschrieben, deren neurotische Tollpatschigkeit immer wieder den abgesteckten Rahmen der Komik verläßt und unberechenbare Formen der Konfrontation sucht – etwa wenn Marcelline dem Baby einer Kollegin einfach die Brust gibt oder nachts die eigene Mutter körperlich bedrängt. Die Angst, das falsche Leben gelebt oder vielleicht auch gar nicht am Leben teilgenommen zu haben, treibt die Figuren durch den Film und läßt sie kaum jemals zur Ruhe kommen. Was sich anstaut, sucht sich irgendwann einen Weg zur Entladung – ein Kuß, der allerdings noch mehr Verwirrung stiftet, oder eine Torte, die in Marcellines Gesicht landet. Sie versucht es mit Schwimmen, aber auch das sieht alles andere als entspannt aus. 2008-04-11 13:03

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.
© 2012, Schnitt Online

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