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Interview

USA/NL 2007. R,B: Steve Buscemi. B: David Schechter. K: Thomas Kist. S: Kate Williams. P: Column Productions, Ironworks Productions. D: Steve Buscemi, Tara Elders, Molly Griffith, Sienna Miller u.a.
84 Min. Kinowelt ab 29.5.08

Sprich mit ihr

Von Dietrich Brüggemann Es kann vorkommen, daß ein Film von seiner eigenen Entstehungsgeschichte überschattet wird. Interview ist das Remake eines gleichnamigen niederländischen Films, für den sich vermutlich niemand interessieren würde, wenn sein Regisseur nicht ein gewisser Theo van Gogh gewesen wäre – und für den würde sich vielleicht auch niemand interessieren, wenn er nicht im Jahr 2004 von einem fanatischen Moslem ermordet worden wäre. Anlaß war Submission, eine Provokation in Kurzfilmform, die die Mißhandlung von Frauen mit Koranversen bebilderte. Der Mord führte in den Niederlanden und weltweit zu einer hitzigen Debatte, und all das hat wiederum gar nicht so viel mit Interview zu tun. Um den soll es hier aber zunächst gehen.

Steve Buscemi führt Regie und spielt eine der beiden Hauptrollen: einen Journalisten, Kriegsberichterstatter und Washington-Insider, der von seinem Chef abkommandiert wird, ein blondes Serienstarlet zu interviewen. Das ist unter seiner Würde, daher spart er sich die Vorbereitung, und so wird aus dem Interview eine kurzes, bissiges Streitgespräch zweier Beleidigter. Sie gehen auseinander, er setzt sich ins Taxi, der Taxifahrer baut einen Unfall, der Reporter schlägt sich den Schädel an und landet mit einem blutigen Taschentuch an der Stirn im Luxusloft der Schauspielerin, die er gerade noch interviewen wollte. Und da spielt dann auch der ganze Rest des Films.

Sienna Miller ist hierzulande weniger durch ihre Filme bekannt, sondern vor allem als Jude Laws betrogene Ex-Verlobte. Es ist nicht ganz einfach, ihre Leistung in Interview einzuschätzen, denn die vorlaute, dauergelangweilte, stets latent angepißte, gelegentlich leicht bekokste, zuweilen irritierend distanzlose amerikanische Schnepfe geht ihr so locker von der Hand, daß man sie für komplett authentisch hält, was sie hoffentlich nicht ist. Sie liefert sich mit Buscemi, der den häßlichen, leicht zwielichtigen Intellektuellen mit gewohnter Brillanz gibt, ein furioses Duell oder vielleicht eher ein Duett, denn daß der Film durchweg unterhaltsam bleibt, liegt vor allem daran, daß die zwei Akteure eben nicht versuchen, einander mit der ganzen Method-Acting-Breitseite an die Wand zu nageln, sondern sich elegant gegenseitig die Bälle zuspielen.

Buscemi ist irgendwie fasziniert von der Blondine und versucht, doch noch sein Interview zu kriegen, während Sienna Miller versucht, ihn dabei hinters Licht zu führen, und wie in einem Schachspiel weiß man nie genau, welcher Zug worauf hinauslaufen könnte. Dabei wird im Grunde einfach das Funktionsprinzip eines Interviews auf die Spitze getrieben: Ein Mensch fragt den anderen über sein Privatleben aus, um das Ergebnis anderen mitzuteilen. Für beide ist es professionelle Berufsausübung, aber je privater sie dabei werden, desto interessanter wird das Ergebnis, desto größer also der professionelle Ertrag. Der Professionellste ist also der, der am überzeugendsten Privatheit heuchelt. Diese verlogene Konstruktion, vermutlich der Grund dafür, daß Promi-Interviews in den meisten Fällen so niederschmetternd langweilig sind, führt hier aber dazu, daß dieser Film über seine ganze, eher kurze Laufzeit interessant bleibt. Steve Buscemi ist als Regisseur souverän genug, der Geschichte nicht mehr abzuverlangen als sie hergibt, aber holt alles heraus, was drinsteckt. Die Überraschungen, die der Film zu bieten hat, wirken im Nachhinein manchmal banal, aber wenn sie passieren, funktionieren sie. Die Figuren wandern auf dem schmalen Grat zwischen Sympathie und Abneigung, erst am Ende bekommt man das Gefühl, daß es eigentlich doch keine netten Menschen auf der Welt mehr gibt.

Und das ist wohl eine Aussage, der Theo van Gogh, Regisseur des Originals, jederzeit zugestimmt hätte. Sein Blick auf die Welt war nihilistisch bis zynisch, er kultivierte seinen Ruf als provokantes Arschloch, und es spricht einiges dafür, daß Buscemis Remake von Interview das Original an Vielschichtigkeit und menschlicher Tiefe übertrifft – denn diejenigen, die sich wie van Gogh als Berserker geben und den Menschen als Schwein entlarven wollen, haben zwar irgendwo recht, kennen aber nur eine Seite der Medaille. Ein guter Film lebt davon, beide Seiten glaubhaft zu machen. Das gelingt Buscemi, und damit ist ihm ein sehenswertes, elegantes Kammerspiel gelungen, das man auch genießen kann, wenn man sich mal einen Abend lang nicht den Kopf über den militanten Islam und den bevorstehenden Untergang der Welt zerbrechen will. 1970-01-01 01:00

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