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Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You're Dead

Before the Devil Knows You’re Dead. USA 2007. R,B: Sidney Lumet. B: Kelly Masterson. K: Ron Fortunato. S: Tom Swartwout. M: Carter Burwell. P: Linsefilm, Michael Cerenzie Productions, Unity. D: Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon u.a.
117 Min. Neue Visionen ab 10.4.08

Meet the Hansons

Von Oliver Baumgarten Über 80 Jahre alt war Sidney Lumet bereits, als er Tödliche Entscheidung gedreht hat, doch jene besten Eigenschaften, die ihn zu einem der großen Meister des US-amerikanischen Erzählkinos werden ließen, haben ihn keinesfalls im Stich gelassen. Wie eh und je vermögen seine sorgsamen Charakterzeichnungen, dieses unendlich feine Gespür für Zwischentöne und Lumets begnadete Schauspielerführung von der ersten Minute an zu fesseln. Es sind jene Attribute, die bereits Klassiker von Die zwölf Geschworenen über Ein Haufen toller Hunde bis zu Network und Hundstage auf eindrucksvolle Weise ausgezeichnet haben. Doch Sidney Lumet ist nicht nur seiner handwerklichen Meisterschaft treu geblieben, gerade auch seine Lust an der Reflexion über Idealismus und Moral sowie sein Interesse an Figuren, die dem Anpassungsdruck der Gesellschaft nicht mehr standzuhalten vermögen, finden in Tödliche Entscheidung neuen Ausdruck – vielleicht sogar stärker denn je

Denn sein Thriller mit diesem unanständig gewöhnlichen deutschen Verleihtitel ist in Wirklichkeit eine wahrhaft bittere Sozialstudie aus dem »Land of the Free«. Im zur Zeit tobenden entscheidenden Kampf des White Trashs um den Anschluß an die amerikanische Mittelschicht – einst der große Stolz der Nation – wird die ehedem als unantastbar geltende Einheit der Familie längst nicht mehr nur beschmutzt. Nein, so scheint Lumet sagen zu wollen, die Familie ist vielmehr das eigentliche Schlachtfeld, auf dem dieser existenzielle und blutige Kampf ausgetragen wird.

Und so läßt er sie aufeinander los, die Mitglieder der Familie Hanson: Die Eltern haben es mit einem kleinen Juweliergeschäft in Jahrzehnten eiserner Disziplin zu leidlich annehmbarem Wohlstand gebracht. Sohn Andy hingegen steht sowohl beruflich als auch privat das Wasser bis zum Hals. Die Steuer prüft sein Büro und steht unweigerlich vor der Aufdeckung der fehlenden Gelder, mit denen Andy vornehmlich seine heimliche Drogenabhängigkeit finanziert hat. Zudem steht seine viel zu hübsche Frau Gina kurz vor dem Auszug aus dem Appartement – kein Wunder, schließlich hat sie äußerst guten Sex mit Andys jüngerem Bruder Hank. Der wiederum ist ansonsten eher der klassische Versagertyp, darf einmal die Woche seine Tochter sehen, die er allerdings regelmäßig dadurch enttäuscht, daß er ihr nicht einmal die kürzesten Schulausflüge finanzieren kann. Sowohl Andy als auch Hank brauchen also Geld, um endlich, endlich ein normales Mittelstandsleben führen zu können und nicht mehr unablässig gegen diesen erbarmungslosen Sog ankämpfen zu müssen, der beide unaufhörlich aus der Bürgerlichkeit ziehen will, hin zur verkorksten, rottenden Existenz. Sie beschließen also, den Juwelierladen der Eltern auszurauben. Ohne Gewalt, keinem wird wehgetan, einfach so. Natürlich geht das schief.

Lumet erzählt diese im Grunde zunächst einfache Geschichte repetitiv. Reihum läßt er die Erzählperspektive innerhalb seines Figurenreigens wechseln, so daß die Ereignisse kontinuierlich immer detaillierter und die einzelnen Figuren immer differenzierter erscheinen. Dieser Kniff der nichtchronologischen Dramaturgie, die in jeder neuen Erzählschleife weitere Details preisgibt, fügt sich nicht nur perfekt in das innerszenische Erzähltempo ein, sondern läßt darüberhinaus die finsteren Abgründe noch tiefer erscheinen, die sich im Leben der Hansons auftun. Denn kaum hat Andy aus der Not heraus Bewegung in sein erstarrtes Leben gebracht und der so vom eigenen Aktivismus erzeugte Fahrtwind die brave Maske des Mittelstands vom geplagten Ich geweht, gibt es kein Halten mehr. Philip Seymour Hoffman überzeugt in den meisten seiner Rollen – das Maß an Frustrationen allerdings, das er hier Andys gedrücktem Antlitz unterlegt, löst ein schauerliches Unbehagen aus, das weit über den Film hinausragt.

Sidney Lumet ist mit Tödliche Entscheidung ein grandioser Endzeitthriller gelungen. Nur ist hier die Menschheit nicht durch Atombomben oder Naturkatastrophen bedroht, sondern viel schlimmer: durch sich selbst. Tödliche Entscheidung wirkt damit wie das düstere Vermächtnis Sidney Lumets, eines der letzten großen Kinomoralisten unserer Zeit. 2008-04-04 09:48

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