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Mr. Shi und der Gesang der Zikaden

A Thousand Years of Good Prayers. USA 2007. R: Wayne Wang. B: Yiyun Li. K: Patrick Lindenmaier. S: Deirdre Slevin. M: Lesley Barber. P: Entertainment Park, North by Northwest Entert. D: Henry O, Pavel Lychnikoff, Feihong Yu u.a.
83 Min. Pandora ab 10.4.08

Familie ohne Rezept

Von Eva Tüttelmann Siebzehn Jahre verbringt eine amerikanische Singzikadenart in der Erde, bevor sie ihr Versteck verläßt, um sich innerhalb weniger Wochen zu vermehren. Ihre Larven leben ebenfalls unterirdisch, siebzehn Jahre lang, bevor sie an die Erdoberfläche kriechen. Ihre Entwicklung verläuft antizyklisch zu der ihrer Freßfeinde, auf diese Art sichern sie sich die größtmöglichen Überlebenschancen.

Yilan lebt seit zwölf Jahren in Amerika, die Kultur ihres Heimatlandes China ist ihr fremd geworden. Ihr Vater ist stark in der chinesischen Tradition verhaftet und führt ein gänzlich anderes Leben. Beide haben sich jahrelang in einer Scheinwelt vergraben und wagen schon lange nicht mehr den Weg an die Oberfläche. Nach Yilans Scheidung sorgt sich Mr. Shi und besucht seine Tochter, um zu verhindern, daß sie sich tiefer und tiefer eingräbt. Doch er erreicht das Gegenteil. Je intensiver er auf seine gebrochene Tochter zugeht, desto mehr zieht diese sich zurück.

Wiederkehrendes Element und Symbolträger in Mr. Shi und der Gesang der Zikaden ist der Akt des Essens und dessen Zubereitung. Unvermögens und unwillens, sich Neuem zuzuwenden, kauft Mr. Shi erst einmal einen Wok: Er wisse nicht, wie man ohne kocht. In ausgiebigen Mahlzeiten, die er für Yilan zubereitet, spiegelt sich seine Fürsorge und Liebe. Yilan jedoch empfindet die Menge und regelmäßige Verpflichtung als Bedrängnis und Eingriff, und so äußert sich ihr fortschreitender Rückzug darin, daß sie erst auffallend wenig und später scheinbar nur noch einzelne Reiskörner ißt, bis sie dem gemeinsamen Essen schließlich ganz fernbleibt.

Mit Mr. Shi und der Gesang der Zikaden besinnt sich Regisseur Wayne Wang auf eine Art der filmischen Erzählweise, die ihm Mitte der 1990er Jahre zu cineastischem Ansehen verhalf. Wie schon damals, als Paul Auster ihm die literarische Vorlage für sein Meisterwerk Smoke und dessen Nachfolger Blue in the Face lieferte, ist es nun Yiyun Li, mit deren Drehbuch, welches auf ihrer eigenen Kurzgeschichte basiert, Wang ein Film gelingt, der in poetischen, langsamen Bildern eine kleine, alltäglich wirkende Geschichte voller Intensität und Detailverliebtheit erzählt. Wangs Werk übt seinen Zauber ohne viele Worte aus; an einigen Stellen hätte dem Film allerdings ein wenig Tempo gut getan, denn auch wenn Wang dem Zuschauer die Möglichkeit geben wollte, »sich Zeit zu nehmen«, wie das Presseheft preisgibt, führt die den Film charakterisierende Ruhe und Detailnähe zu einigen bedauerlichen Längen. 2008-04-03 17:36

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.

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