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Caramel

F 2007 R,B,D: Nadine Labaki. B: Jihad Hojeily, Rodney El Haddad. K: Yves Sehnaoui. S: Laure Gardette. M: Khaled Mouzannar. P: Les Films des Tournelles. D: Yasmine Elmasri, Joanna Mkarzel, Gisele Aouad, Sihame Haddad u.a.
95 Min. Alamode ab 3.4.08

Spiegelgefecht

Von Tamara Danicic Wohl die wenigsten von uns dürften Karamell mit physischem Schmerz assoziieren. Doch schon in den ersten Bildern des Films, wenn der goldfarbene, flüssige Zucker im Schmelztiegel zu zischen beginnt, und noch bevor der erste spitze Schrei ertönt, läßt sich erahnen, daß es hier nicht nur um süße Gaumenfreuden geht. Und daß Caramel nicht die orientalische Antwort auf Chocolat ist. Vielmehr offenbart sich in der als Epilationsmittel eingesetzten Karamellmasse nichts weniger als die innere Verfaßtheit der libanesischen Frau, die ihren Körper verschiedensten Eingriffen unterzieht, um geltenden Idealen zu entsprechen. Und damit einen permanenten Spagat vollzieht – zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne, Show und Persönlichkeit.

So muß die kurz vor ihrer Hochzeit stehende Nisrine etwa (unter dem Decknamen »Julie Pompidou«) in einer auf solche Fälle spezialisierten Klinik ihre jungfräuliche Unversehrtheit wiederherstellen lassen, will sie keinen Skandal riskieren. Und selbst die betont anti-feminine Rima, deren Homosexualität bis zum Schluß unausgesprochen bleibt, kann sich dem Beinenthaarungsritual anläßlich von Nisrines Hochzeit schließlich nicht mehr entziehen. »Süßer Schmerz« als Symbol für Körperökonomie und eine weibliche Identität, die ganz wesentlich von der äußeren Hülle definiert wird. Verräterisch ist diesbezüglich das Namensschild des Schönheitssalons, in dem sich die Schicksale der Protagonistinnen kreuzen: Aus »si Belle« (die Schöne) wird dank eines losen Nagels, der den ersten Buchstaben kopfüber hängen läßt, »si elle« (sie). Doch die Zerrissenheit der Frauenfiguren findet sich in der Mise-en-scène nicht wieder. Vielmehr verliert diese sich allzu leicht in schwelgerischen Blicken auf attraktive bzw. attraktiv gemachte Frauenkörper und sinnlich-warmen Farbtönen, womit jeder innere Konflikt letztendlich nur Behauptung bleibt. Indem die Regisseurin selbst dem Lockruf der schönen Oberfläche verfällt, läßt sie ihre Heldinnen Nisrine, Layale und Rima mit all ihren Schmerzen im Stich. 2008-03-28 14:23

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #50.
© 2012, Schnitt Online

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