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Meer is nich

D 2007. R,B: Hagen Keller. K: Philipp Kirsamer. S: Monika Schindler. M: Andreas Staebler, G. Rag Stübner. P: ostlicht filmproduktion. D: Elinor Lüdde, Luise Kehm, Sandra Zänker, Rosalie Eberle, Thorsten Merten, Ulrike Krumbiegel u.a.
103 Min. Kinowelt ab 27.3.08

Ostdeutscher Optimismus

Von Kyra Scheurer Gerade ist Erwin Geschonneck gestorben. Leider merkt man oft erst bei solchen Anlässen, wie sehr die gestandenen Ost-Mimen im deutschen Gegenwartskino fehlen. Gerade hat Armin Mueller-Stahl in Tödliche Versprechen eine seiner besten Performances gezeigt, in einem jüngst ausgestrahlten Tatort war Katrin Sass in einer Nebenrolle das einzig Sehenswerte, und auch wenn – wie mit der unglaublichen »Erweckung« von Elmar Weppers Können in Kirschblüten – Hanami – immer wieder unerwartete West-Wunder geschehen können: Man vermißt die Manfred Krugs, Angelica Domröses, Annekathrin Bürgers oder eben Günter Naumann. Der allerdings kann einem gerade ganz unerwartet in einem kleinen, aber feinen Debütfilm begegnen, in dem er der Figur des sporadisch der jugendlichen »Heldin« begegnenden alten Apels genau die unaufdringliche Präsenz verleiht, die die Mentorenfigur und damit auch die innere Entwicklung der Protagonistin vor dem Kitsch bewahrt.

Meer is nich ist ein Ost-Debütfilm, der die gängigen Ost-Klischees von Plattenbau und Alkoholismus vermeidet und ein differenziertes Bild verschiedener Lebensentwürfe zeichnet, der erstaunlich sonnenhelle Landschaften zeigt und als Grundton bei allen Krisen einen deutlichen Optimismus setzt. Das hat viel mit Lena zu tun, der Hauptfigur dieser unprätentiösen Coming-of-Age-Geschichte. Denn Lena strahlt eine ganz selbstverständliche Autonomie aus, eine jugendliche innere Kraft, die zunächst nicht weiß, wohin mit sich. Berufsberater, elterliche Ratschläge, Abschlußprüfungen – ihre Antworten sind bei allem Charme lange nicht mehr als ratlose Rebellion. Bis sie bei einem Konzert in der Schlagzeugerin einer Band endlich ihren eigenen Weg erkennt – die Musik, das Auspowern an den Drums. Aber sie hat viel nachzuholen, andere fangen schon mit fünf an zu trommeln. Doch in Musikhochschullehrer Sascha findet sie jemanden, der an sie glaubt und ihr viele Türen, vor allem innere, öffnet. Allerdings ist Lenas Vater, dessen eigenes Lebenskonzept einst die Autonomie seiner Tochter maßgeblich mitgeprägt hat, auf einmal alles andere als begeistert. Über Lenas Kopf hinweg besorgt er ihr eine Lehrstelle, und die Risse im eigentlich von Liebe und Individualität geprägten familiären Gefüge werden zusehends tiefer.

Auch hier sind, neben der beeindruckenden Leistung von Hauptdarstellerin Elinor Lüdde, vor allem die »Ernst Busch«-gestählten und theatererfahrenen Eltern-Darsteller Ulrike Krumbiegel und Thorsten Merten der Garant für die nötige Tiefe und den Subtext in der Umsetzung der gelungenen (aber zu ausladenden) Dialoge. Auch wenn der Film dramaturgisch in vielen Aspekten nicht funktioniert – alle Krisen geballt am Schluß, viele Längen – diese Schauspieler und eine die Teenager-Thematik angenehm ernstnehmende Erzählhaltung machen Meer is nich sehenswert und erstaunlich wenig langweilig. Schön wäre, wenn viele junge Menschen am ähnlich optimistischen, aber deutlich weniger authentischen Juno vorbei den Weg auch in diesen kleinen deutschen Film fänden – und so ganz nebenbei auf ein paar großartige alte Schauspieler träfen. 2008-03-27 12:10

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