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Tanz mit der Zeit

D 2008. R,B: Trevor Peters. B: Mark Michel. K: Niels Bolbrinker. S: Margot Neubert-Maric. P: MA.JA.DE.
103 Min. Ventura ab 27.3.08

Lebenschoreographien

Von Constanze Frowein In Shine a Light präsentiert sich die Rock-Elite im fortgeschrittenen Alter unermüdlich: Die Rolling Stones wurden schon in frühesten Interviews gefragt, wie lange sie als Rockmusiker weiterarbeiten wollten. Ob sie es sich vorstellen könnten, »das noch mit 60 zu machen«, und Mick Jagger antwortete mit einem abrupten »Ja«. Die klassische Tanzkarriere hingegen endet meist bereits mit Anfang dreißig. Sie ist kurz, hart, und vor allem läßt sie nicht viel Luft für andere Interessen. Was also tun jenseits der Bretter, die angeblich die Welt bedeuten?

Zu Beginn des Dokumentarfilms Tanz mit der Zeit scheint Regisseur Trevor Peters ein seniles Erinnerungsgezerre ehemaliger Tänzer und Tänzerinnen mit der Kamera als stillem Verfolger errichtet zu haben. Erst zähflüssig scheint sich das Gemenge vierer alternder Künstlerbiographien dem Betrachter zu nähern. Läßt der sich von diesen Bildern nicht abschrecken, erwarten ihn vier ganz unterschiedliche, bewundernswerte und ebenso unvorhersehbare Lebensstränge der ehemaligen Solotänzer und -tänzerinnen des Leipziger Balletts auch jenseits der Theaterwelt. Dabei scheint die Offenheit der künstlerischen Individuen vor allem der Choreographin des Balletts »ZEIT – Tanzen seit 1927«, zu verdanken zu sein. Aus Heike Hennigs Bühnenstück, für das sie die vier ehemaligen Solisten zurück auf die Bühne holte, geht die Dokumentation über das Leben mit dem Tanz hervor. Tanzend und sprechend erzählen die vier Künstler von ihren außergewöhnlichen Lebensentwürfen.

Die bereits über achtzigjährige ehemalige Primaballerina Ursula Cain scheint mit der ersten tänzerischen Bewegung ihre altersbedingte Rückenkrümmung abzustreifen und nimmt den Zuschauer mit in den Bann, den der Tanz hervorzurufen vermag. Obschon der körperlichen Gebrechen durchzieht jeden der vier Körper ehemaliger Bühnentänzer eine körperliche Klarheit und Selbstbeziehung, die mit einer ungeahnten Grazie einhergeht. Schwellenängste zum Thema »Älterwerden« können mit diesem Film bei auch scheinbar weit davon entfernten jungen Menschen unauffällig abgebaut werden. Erleichternd helfen dabei aufführungsunabhängige Aufnahmen der tänzerischen Umsetzung, die den Blick auf in sich ruhende Momentaufnahmen in Form von klassischen und zeitgenössischen Tanzelementen aus nächster Nähe ermöglichen. Das Gedächtnis der Körper gibt ihnen dabei einen unverwechselbar Tänzern eingeschriebenen Bewegungsfluß, der nicht zuletzt durch äußerste Disziplin und womöglich auch der Opferung anderer Lebensinhalte zu verdanken ist.

Tanz mit der Zeit begegnet auf genügsame und schlichte, aber dennoch faszinierende Weise der Frage nach dem Platz alter Menschen in unserer Gesellschaft. Mit Hilfe des Mediums Tanz wird das Thema zusätzlich fokussiert. Menschen über 65 zeigten in Pina Bauschs Tanztheaterstück »Kontakthof« bereits, zu welch einnehmenden Bildern auch Menschen im hohen Alter noch fähig sein können, wenn man ihnen ein Forum bietet. 2008-03-24 13:18
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