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Schmetterling und Taucherglocke

Le scaphandre et le papillon. F/USA 2007. R: Julian Schnabel. B: Ronald Harwood. K: Janusz Kaminski. S: Juliette Welfling. P: Pathé Renn Prod., The Kennedy u.a. D: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Hiam Abbass u.a.
114 Min. Prokino ab 27.3.08

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Von Cornelis Hähnel Die Überschrift stellt das Alphabet dar, sortiert nach Häufigkeit des Vorkommens der einzelnen Buchstaben im französischen Sprachgebrauch. Und es ist das einzige Fenster von Jean Dominique Bauby zur Außenwelt. Bauby war Chefredakteur der Zeitschrift »Elle«, bevor er am 8. Dezember 1995 einen Hirnschlag erlitt, der eine vollständige Lähmung zur Folge hatte, einzig über sein linkes Augenlid hatte er noch Kontrolle. Mit Hilfe der obigen »Hitparade« der Buchstaben, einem geduldigen Gegenüber und einem gezielten Blinzeln war es ihm möglich, weiterhin mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Jemand buchstabierte das ABC in der ESA-Version, und Bauby blinzelte bei dem Buchstaben, der notiert werden sollte, dann weiter mit dem nächsten Buchstaben, solange, bis man ein Wort oder einen Satz vollständig hatte. Mit diesem mühsamen Verfahren diktierte er sein Buch »Schmetterling und Taucherglocke«, einen erschütternden und zugleich hoffnungsvollen Bericht, eine Sammlung lebendiger Gedanken, geborgen aus einem toten Körper. Jean-Jacques Beineix hatte bereits 1997 eine TV-Dokumentation über die Entstehung des Buches gedreht, der Maler und Regisseur Julian Schnabel wagte sich jetzt an eine fiktionale Verfilmung des Stoffs und findet, erstaunlicherweise, damit die wohl adäquateste und emotionalste Umsetzung dieser Thematik.

Der Film beginnt wie das Buch: Ein diffuses Licht erhellt den Raum, partiell sind Menschen in weißen Kitteln erkennbar: Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern. Die subjektive Kamera versetzt den Zuschauer sofort in die Rolle Baubys und spielt zugleich mit der Situation des Publikums, welches im abgedunkelten Kinosaal ebenso in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist und einzig, wenn auch nur temporär, in seiner Passivität die Außenwelt über das Auge wahrnimmt. Eine Stimme kommentiert aus dem Off das Geschehen, wenngleich noch ähnlich ratlos wie der Betrachter. Den ersten Teil des Films verweilt Schnabel fast ausschließlich im Kopf Baubys, die subjektive Kamera, gekoppelt an die Monologe aus dem Off intensivierten die Identifikation mit dem Protagonisten, was unweigerlich auch den Schrecken dieser Situation herausarbeitet. Denn seine Gedanken sind rege, spontan, geistreich und humorvoll. Und doch bleiben sie einzig in seinem Kopf, in unseren Köpfen, die wir seine Rolle einnehmen. Erst die kontrastierenden Bilder des gelähmten Baubys in seinem Bett, den Mund zu einer hängenden, speicheltropfenden Fratze verzerrt, das rechte Auge zugenäht und diverse Schläuche, die sich auf dem Weg aus und in den Körper miteinander verweben, reißen einen aus der fast »gemütlichen Plauderei«. Die Identifikation seitens des Zuschauers wird durch diese Bilder aber nicht einfach durchbrochen, vielmehr wird ihm immer wieder die Differenz von Geist und Körperlichkeit bewußt gemacht. Schnabel bedient sich hier bei der Bandbreite der Möglichkeiten des Spielfilms. Immer wieder durchbricht er die Handlung in der Klinik durch Erinnerungen an Zeiten jenseits der Lähmung, welche aber niemals eine sentimentale oder verklärende Funktion entwickeln. Oder aber er schafft Fantasiebilder, welche die Freiheit des Geistes, unabhängig vom Gefängnis des Körpers, illustrieren. Dies passiert aber niemals plakativ oder überladen, sondern in assoziativ bedingten Symbolen, eingefangen in präzisen und traumhaften Bildern.

Der zweite Teil des Films, welcher mit der Umsetzung des entwickelten Kommunikations-Codes beginnt, zeigt Bauby und sein Umfeld verstärkt in einer Sicht von außen. Es ist ein hoffnungsvoller Blick, der zumindest die Möglichkeit einer Integration in ein soziales Leben suggeriert. Gerade dieser Wechsel der Erzählposition, die unterschiedliche Objekt- und Subjektivierung des Protagonisten erlaubt eine höchst emotionale Identifikation, sowohl mit dem Patienten als auch mit seinen Angehörigen. Wo die literarische Vorlage aufgrund ihrer anspruchsvollen und humorvollen Schreibweise den Leser immer öfter mal vergessen läßt, daß man die Aufzeichnungen eines Menschen mit Locked-In-Syndrom liest, wird man bei Schnabel immer wieder darauf gestoßen. Der Wechsel von Außen- und Innensicht potenziert die Wirkung des Erzählten und bewahrt sie vor dem Anstrich eines gefühlsduseligen Betroffenheitskinos. Denn eben weil wir die Möglichkeit haben, in die Gedanken von Bauby zu schauen, offenbart sich des öfteren die Kluft zwischen bedauernswertem Anschein und dem inneren Befinden. Zurecht wurde Schnabel 2007 in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet, denn trotz der Schwere der Thematik liegt dem Film eine wunderbare Leichtigkeit zugrunde. 2008-03-20 14:09

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