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Die Anruferin

D 2007. R: Felix Randau. B: Vera Kissel. K: Jutta Pohlmann. S: Gergana Voigt. M: Thies Mynther. P: Wüste Film West. D: Valerie Koch, Esther Schweins, Franziska Ponitz u.a.
84 Min. NFP ab 20.3.08

Graustufen

Von Arezou Khoschnam Gut ist der, der Gutes tut. Schlecht ist der, der Schlechtes tut. Diese Devise hilft uns seit jeher bei der Bewertung und Einordnung unserer Mitmenschen in ein moralisches System, auf das unsere Gesellschaft aufbaut. Niemand wird bestreiten, daß die meisten Menschen tatsächlich von dieser Norm abweichen und sich daher einer solch oberflächlichen Klassifizierung entziehen. Nichtsdestotrotz bringt die große Leinwand – aus Angst, das an leichte psychologische Kost gewöhnte Publikum bereits im Vorfeld zu vergraulen – nur selten den Mut auf, Charaktere fern jeder Schwarzweißmalerei in ihrer Komplexität darzustellen. Die Anruferin ist ein Film, der sich noch mehr als das traut. Regisseur Felix Randau zeichnet in diesem um Authentizität bemühten Psychodrama das Profil einer jungen Frau nach, das den Zuschauer zwischen Abneigung und Unverständnis, Mitleid und Anteilnahme hin- und herbewegt, ohne ihm einen konkreten Platz zuzuweisen.

Irm arbeitet tagsüber in einem Waschsalon. Nach der Arbeit entsagt sie möglichen Freizeitangeboten und geht stets nach Hause, wo sie sich aufopferungsvoll um ihre vom Alkohol stark gezeichnete und bettlägerige Mutter kümmert. Den Rat des Arztes, den offensichtlichen Pflegefall in professionelle Hände zu übergeben, lehnt sie ab. Stattdessen übernimmt sie die volle Verantwortung für einen Menschen, dem bereits das nahe Ende prognostiziert wurde. Irm hat keine Freunde oder irgendwelche anderen Bezugspersonen, niemanden, an dessen Schulter sie sich anlehnen kann. Befreiung von ihrem tristen Alltag verschafft sie sich daher auf ungewöhnliche Weise. Mit verstellter Kinderstimme ruft sie regelmäßig bei fremden Frauen an und läßt sie diese glauben, sie sei ein kleines Mädchen, das mal an Leukämie erkrankt ist und im Krankenhaus liegt, mal zuhause auf die vermißte Mutter wartet. Was sich zunächst wie ein klassischer Streichanruf anhört, ist für Irm ein Ventil, mit dem sie aus ihrem kargen und trostlosen Leben ausbrechen kann. Mit der geborgten Identität kann sie ihre persönlichen Pflichten ablegen und wieder Kind sein. Als Erwachsene fehlt ihr jedoch jegliches Feingefühl für andere Menschen. Als vermeintliche Mutter des Mädchens am Telefon besucht Irm die Frauen zu Hause, wo sie ihnen erschreckend gefaßt und hart vom Tod ihrer Tochter berichtet, nur um sich an ihren entsetzten Gesichtern zu erfreuen. Oder sie belauscht mit Schadenfreude, wie die fürsorglichen Frauen im Krankenhaus auf taube Ohren stoßen, wenn sie nach der erfundenen kleinen Krebspatientin fragen. Die mitgebrachten Geschenke behält Irm. Sie hat schon eine ganze Schublade voll. Ihrer Mutter begegnet sie zumeist ohne ein freundliches Wort, schimpft sie mit lauter Stimme und regelrechter Abscheu aus, wenn sich diese wieder einmal klammheimlich Zugang zur verbotenen Flasche verschafft hat. Alles wendet sich zum Besseren, als Sina, eine der Angerufenen, sich immer enger mit Irm anfreundet und diese daraufhin den Telefonterror beendet.

Die Qualität von Die Anruferin liegt in der Inszenierung eines sehr schwierigen Charakters ohne moralische Etikettierung. Durch den sparsamen Einsatz dramaturgischer Mittel gelingt es Randau, dem Zuschauer Irms Empfinden näherzubringen und tiefe Einblick in eine gestörte Seele zu gewähren. Das perverse Telefonspiel schockiert zwar, doch es gehört zu Irms Alltag und wird daher genauso puristisch dargestellt wie Irms Tätigkeit im Waschsalon. Die zurückgenommene Regie erlaubt eine ungekannte Perspektive auf einen Menschen, der Unbegreifliches tut, und zeigt, wie wichtig Freundschaften sowie menschliche Nähe für das eigene Wohl sind. Leider verliert das ursprünglich als Theatermonolog konzipierte Drehbuch von Vera Kissel zum Schluß des Filmes an Courage. Als Sina von den Telefonanrufen erfährt, dessen Opfer sie ist, distanziert sie sich ungläubig von Irm, bis die Neugier sie packt und sie versucht, mehr über die Person zu erfahren, die sie glaubte, gekannt zu haben. Als sie schließlich auf Irm zugeht und ihr am Grabe der Mutter beisteht, scheint es ein wenig so, als solle sie dem Zuschauer die Entscheidung über Akzeptanz oder Ablehnung abnehmen. Der Schluß wirkt der Handlung irgendwie künstlich aufgesetzt und bricht mit der bis dahin beeindruckenden Kompromißlosigkeit.

Die Umsetzung eines Drehbuches, das sich gänzlich auf die Psyche seiner Protagonistin konzentriert, kann natürlich nur mit der richtigen Besetzung funktionieren. Die Produktion hätte wahrlich keine bessere Hauptdarstellerin als Valerie Koch finden können. Eine Figur wie Irm verlangt eindeutig nach einer Schauspielerin, die auch ohne den rettenden Filmschnitt dazu in der Lage ist, ihre Ausstrahlung von einer Sekunde auf die nächste durch facettenreiches Mienenspiel zu ändern, um eine derart labile Persönlichkeit glaubhaft widerzugeben. Valerie Koch, die bereits viel Theatererfahrung vorweisen kann, leistet dies mit Bravour. Mit einer Leichtigkeit verschmilzt sie mit ihrer vielseitigen Rolle, die sie mit dem nötigen Ernst zu verkörpern weiß. Ihr akribisch genaues Spiel läßt sogar die guten (Esther Schweins als Sina) bis sehr guten Nebendarstellerinnen (Franziska Ponitz als Mutter) an ihrer Seite beinahe verblassen. Valerie Koch. Diesen Namen sollte man sich gut merken. 2008-03-20 14:01
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