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Absurdistan

D 2008. R,B: Veit Helmer. B: Zaza Buadze, Gordan Mihic. K: Giorgi Beridze. S: Vincent Assmann. M: Shigeru Umebayashi, Lars Löhn. P: Veit Helmer Filmproduktion, arte u.a. D: Kristyna Malérová, Max Mauff, Nino Chkheidze u.a.
88 Min. Farbfilm ab 20.3.08

Der Charme des Absurden

Von Malte Can Als die »New York Times« 1990 Moskau als »Capital of Absurdistan« bezeichnete, lieferte sie damit schon mal den Titel des Films Absurdistan: Die Story dazu folgte elf Jahre später, als Veit Helmer, der sich als Experte für das dialoglose Visuelle schon einen Namen machen konnte, im »Tagesspiegel« die Meldung las von ein paar Frauen, die in dem türkischen Dorf Sirt ganz stinkig wurden, als ihre Männer sich weigerten, das marode Wasserrohr zu reparieren, und sie einstimmig beschlossen, ihnen dafür im Gegenzug das Rohrverlegen im Ehebett zu verweigern. Ganz nach der parabelschwangeren Devise: »Die Frau kontrolliert ihren Sex, weil sie für Sex all das bekommt, was ihr noch wichtiger ist als Sex« (Esther Vilar).

Da nun mal der Unterschied zwischen Fiktion und Realität darin besteht, daß Fiktion glaubwürdig sein muß, die Realität hingegen nicht, sollte eine Übersetzung in die Sprache des Spielfilms vor allem eins: die Kausalität der Geschehenszusammenhänge herausarbeiten und das unglaubwürdige Unwahrscheinliche tunlichst vermeiden. Doch diesen Gefallen tut er jenen Sehgewohnheiten nicht, die das erwartet haben. Stattdessen scheint er diese augenzwinkernde Pressenotiz mit pittoresker Verve auf der Ebene des Irrealen zu bearbeiten und ganz der Selbständigkeit seiner narrativen Teile zu überlassen, die in der Tat absurd erscheinen: Figuren, die aussehen als hätte man sie durch eine zerschmolzene Optik gefilmt, betreiben hier Jahrmarkt-Schießbuden, dessen Hauptgewinn eine Liebesstunde mit einer frivolen Dame ist, praktizieren sonderbare Sterndeuterei oder bauen Raketen, um der jungfräulichen Angebeteten das Gefühl des Fliegens näherzubringen.

Das im Zentrum der orientalisch anmutenden Erzählung stehende Liebespärchen führt das Publikum dabei omnipotent durch das absurde Land, um gemeinsam charmant-frivole Blicke hinter die Fassaden dieses Dorfes zu werfen, die nur ein in seine Märchenwirklichkeit verliebter Regisseur hervorbringen kann. Als die Großmutter in den Sternen liest, daß die erste Nacht des jungen Paares erst in vier Jahren stattfinden wird, dient diese Deadline nicht dazu – wie üblich im Mainstream-Reißer – dramaturgisch Druck auszuüben, sondern appelliert ans Warten. Aber dieses Warten gestaltet sich dank eines einfallsreichen Autorenteams durchaus unterhaltsam. Vielleicht liegt es am alten Schreiberhasen Gordan Mihic (Schwarze Katze, weißer Kater), den Veit Helmer zum Mitschreiben ins Boot geholt hatte, daß zuweilen eine Kusturicasche Erzählanarchie in diesem neuen Helmer durchschimmert: Als sich im ersten Akt der lustbefallene Bäcker mit seiner Angebeteten besinnungslos in den voluminösen Teigbehälter fallen läßt oder der Hahn, dem es trotz einer handvoll Uhren, die alle irgendwie nicht richtig ticken, nicht gelingt, pünktlich zu krähen. Dieses Bild kreuz und quer gehender Uhrzeiten, die die Unmöglichkeit zeitlicher Verortung symbolisieren, sind cineastischer Balsam für den Rezeptionsgenuß.

Die Verführbarkeit dieser Bilderbuchwelt scheint dabei dem dramaturgischen Eifer, eine Geschichte rein funktional und stets psychologisch motiviert zu erzählen oder sich selbst erzählen zu lassen, hier den Hahn abzudrehen und entführt uns mit einem Cast, der in über 28 Ländern zusammengetrommelt wurde, und an der emotionalen Mattheit des Films nur wenig rütteln kann, in das zeitlose, ortlose, fiktive Dorf Absurdistan. Doch es hätte dem Film durchaus gutgetan, sich auch dort konsequent absurd zu zeigen, wo er sich etwas unentschlossen durch die sonst so entschlossene Erzählung mogelt: Wenn die Figuren ab und an dann doch mal zu Wort kommen, sprechen sie in einer uns verständlichen nichtfiktiven Sprache, gehören einer realen Religionsgemeinschaft an, die für diese Gegend zwar reichlich unglaubwürdig erscheint, dafür aber der der Zielgruppe entspricht. Aber hätte man auf diese stilistische Verwässerung nicht verzichten können?

Aber sei’s drum. Absurdistan entfaltet in den entsprechenden Bildern der kunstvollen Stilisierung die verführerische Erinnerung an eine Geschichte, die aus jener Pressenotiz der protestierenden Frauen folgende wunderbar verfilmte Botschaft zusammenleimt, zu der sich ein vergleichbarer Geschlechterkampf-Film ungleich holpriger verhält: »In einem Krieg der Frauen gegen die Männer würden die Männer verlieren, weil sie die Frauen mehr lieben als umgekehrt« (noch mal: Esther Vilar). 2008-03-20 14:01

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