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Das Verhör

D 2006. R,B: Rafael Kühn. K: Ilko Eichelmann. S: Clemens Hübner. M: Johannes Motschmann. P: Adhoc Film & Fernsehproduktion. D: Manfred Möck, Ahmed Mesgarha, Julia Richter u.a.
70 Min. Adhoc Film ab 20.3.08

Reden über die Freiheit

Von Ines Schneider Johann Schönberger lebt in einem Staat der Zukunft, in dem Werdegang und Freizeitgestaltung jedes einzelnen aufs Schärfste reglementiert sind. Individuelle Verhaltensweisen werden nicht geduldet und notfalls mit Gewalt unterbunden. Die Regierung zwingt ihren Bürgern auf diese Weise einen Zustand der Ruhe auf, den sie mit Sicherheit gleichsetzt. Als Schönberger zufällig an einer geheimen Zusammenkunft teilnimmt, bei der Musik gehört und getanzt wird, gerät er prompt in eine Razzia. Er findet sich in einem tristen Verhörraum wieder. Hier soll er nicht nur gestehen, er soll auch zugeben, daß sein Verhalten falsch war und es ehrlich bereuen.

Man kann einem Film mit dem Titel Das Verhör kaum zum Vorwurf machen, daß in ihm so viel geredet wird, doch die lang anhaltende Gesprächssituation wirkt ermüdend. Es ist gar nicht so sehr die Gleichförmigkeit der Bilder, die die Aufmerksamkeit erlahmen läßt. Der Regisseur Rafael Kühn und sein Kameramann Ilko Eichelmann finden eine Vielzahl verschiedener Einstellungen, um die immer gleiche Konstellation zu zeigen. Aber der Dialog gerät kein einziges Mal ins Stocken. Viel wird ausgesprochen, was vielleicht auch angedeutet oder umschrieben werden kann. Fragen werden in den Raum gestellt (und beantwortet), die sich aus dem Gesehenen selbst ergeben sollten: »Wie weit darf der Staat in die Freiheit des Einzelnen eingreifen?«, »Ist Sicherheit durch Gleichförmigkeit erstrebenswert?« oder »Kann der Mensch die Unsicherheit der Freiheit aushalten und will er es überhaupt?«. Es ist den Filmemachern hoch anzurechnen, daß sie eigene Wege der Auseinandersetzung und eigene Formen für diese vieldiskutierten Themen suchen. Solche Dystopien, die man zum Genre des Science Fiction zählen kann, sind in der deutschen Filmlandschaft oft nur als actionreiche Fernsehunterhaltung vertreten. Doch da jede Überlegung ausbuchstabiert wird, bleibt auch bei Das Verhör wenig Platz für eine individuelle Bildsprache. Im besten Fall können Kinobilder die Grundlage sein für weitere Vorstellungen im Kopf des Kinobesuchers. Das Verhör ist an den Stellen besonders fesselnd, an denen das Gespräch der beiden Figuren durch Rückblenden ergänzt wird. Es sind faszinierende Blicke auf eine nicht gänzlich fremdartige, aber ungewohnt trostlose, nächtliche Stadt. Geschickt gewählt sind auch die Details beim heimlichen Treffen ihrer Bewohner. Ein Plattenspieler ist für unsere Begriffe noch nichts Ungewöhnliches, doch unser Alltag ist bereits so stark von CD-Playern und iPods geprägt, daß eine Vinyl-Platte zum Objekt für Nostalgiker oder Musikkenner geworden ist. So trägt ein solches Requisit stark zur Atmosphäre dieser Episode bei. Doch Szenen dieser Art sind selten, und auch hier hört man aus dem Off noch den Bericht Schönbergers, der sich bemüht, das Gefühl der Verlorenheit oder seinen ersten Musikgenuß in Worte zu fassen. Dem Betrachter wird dadurch, daß ihm alles erklärt wird, die Möglichkeit genommen, einen eigenen Zugang zu der Situation zu finden.

So ergibt sich keine Ahnung der Unentrinnbarkeit wie bei Orwell, man verliert sich nicht im Labyrinth der Absurdität wie bei Kafka, und es wird nie das Gefühl der Ohnmacht vermittelt wie selbst noch in »Fahrenheit 451«, einer der schwächeren Geschichten von Bradbury. Dabei weiß das Team um Rafael Kühn die visuellen Mittel durchaus anzuwenden. Die wenigen Elemente, die im Verhörraum zu sehen sind, werden äußerst effektiv eingesetzt. Die Uhr beispielsweise, die auf dem Tisch steht, ist rechteckig. Auf dem Ziffernblatt ist jede Zeiteinheit durch einen Strich gekennzeichnet. Auf den ersten Blick scheint es völlig klar zu sein, wie spät es ist. Doch man kann die Uhr genauso gut auf den Kopf stellen und schon ergibt sich genauso glaubhaft eine ganz andere Zeit. In einem Raum ohne Fenster ist es unmöglich zu erkennen, ob draußen Tag herrscht oder Nacht. Den Filmemachern gelingt es mehr als einmal, mit minimalen Mitteln eine große Unsicherheit zu schaffen.

Trotz einiger Schwächen kann man das Team nur dafür bewundern, daß es sich ganz ohne Unterstützung durch staatliche Förderungseinrichtungen an eine hierzulande so seltene Form gewagt hat. Es ist an der Zeit, daß sich noch mehr deutsche Filmemacher einen Science Fiction-Spielfilm zutrauen. Daß sie die Tricktechnik beherrschen, wurde mit (T)Raumschiff Surprise – Periode 1 (Michael Herbig) bewiesen, daß die Leidenschaft dafür existiert mit Ijon Tichy – Raumpilot (Randa Chahoud, Oliver Jahn, Dennis Jacobsen) und daß es gelegentlich zu einer glücklichen Verbindung von beidem kommt schon mit Mariannengraben (Achim Bornhak), der allerdings nicht in der Tiefe von Raum und Zeit, sondern auf dem Meeresgrund spielt. Mit Sicherheit wird auch bald in der deutschen Kurzfilmszene ein Werk auftauchen, das sich mit einem Kleinod wie dem französischen Die Rückkehr (Emmanuel Malka) messen kann und den Weg für einen deutschen Science Fiction-Langfilm freikämpft. 2008-03-17 11:23
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