— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Welle

D 2008. R,B: Dennis Gansel. B: Peter Thorwarth. K: Torsten Breuer. S: Ueli Christen. M: Heiko Maile. P: Rat Pack Filmproduktion. D: Jürgen Vogel, Christiane Paul, Frederick Lau u.a.
107 Min. Constantin ab 13.3.08

Leerstück

Von Eva Tüttelmann 1967 zeigte Geschichtslehrer Ron Jones seiner Klasse einen Film über den Nationalsozialismus, doch die jugendlichen Konsumenten zeigten wenig Verständnis für die Tatsache, daß ein derart durchschaubares Regime sich in dieser Form etablieren konnte und hielten eine Manipulation dieser Art für nicht wiederholbar. Jones bewies ihnen das Gegenteil. Sein Experiment »The Third Wave« mußte nach fünf Tagen abgebrochen werden, da es völlig außer Kontrolle geriet. Weit über die Grenzen der Geschichtsklasse hinaus wurde Jones als »Führer« akzeptiert, Schüler, die die Bewegung skeptisch beäugten und die Gemeinschaft scheuten, wurden ausgegrenzt; diejenigen die zur »Welle« gehörten stützten sich unbewußt auf faschistische Ideale. Unter dem Deckmantel einer Versammlung degradiert Jones die Gemeinschaft, indem er seine Schüler und sich selbst anklagt, sie wären die perfekten Nazis gewesen.

1972, fünf Jahre später, veröffentlichte Jones die Kurzgeschichte »The Third Wave«, in der er das Erlebte rekapituliert. Nach dieser langen Zeit des Schweigens hatte er zufällig einen seiner damaligen Schüler getroffen, und erstmals drängten die Ereignisse zurück an die Oberfläche. Ein Buch mit dem Titel »No Substitute for Madness: A Teacher, His Kids, and the Lessons of Real Life« sollte folgen.

Von beträchtlich höherem Bekanntheitsgrad ist Morton Rhues 1981 erschienener Jugendroman »The Wave«, um den wohl seit zwanzig Jahren kaum ein Schüler herumkommen konnte, denn wurde das Buch nicht im Englischunterricht besprochen, dann sicher im Deutschunterricht; unterstützend und gleichsam abschließend konnte man ja prima noch den Film zeigen (auch gerne genommen, wenn man seiner Klasse die Buchrezension nicht zutraute oder einfach Zeit sparen wollte). Richtig, ein Film durfte natürlich nicht fehlen, und so nahm sich Regisseur Alexander Grasshoff für das US-Fernsehen des Stoffs an. Im Zuge der Überschätzung einer Verwendung neuer Medien innerhalb der Lehrsitten brachte es die Verfilmung The Wave von 1981 zu solch beträchtlicher Beliebtheit, daß sie sich bis heute im Verleih sämtlicher Landesbildstellen hält.

Mit dem Kinospielfilm Die Welle von Dennis Gansel drängt sich nun leider die Frage auf, warum um alles in der Welt der Mensch eine weitere »Welle«-Verwurstung braucht. Resultierend aus der allgegenwärtigen Präsenz der Nationalsozialismus-Diskussion sind wir uns alle unserer vieldiskutierten Verantwortung bewußt, zudem kann man regelmäßig mitansehen, wie Diktaturen heute noch Länder zugrunde richten, Völker ihrem eigenen Verderben entgegeneifern. Innerhalb deutscher Grenzen wird ja wohl sowieso kaum jemand ernsthaft behaupten wollen, eine Diktatur läge außerhalb des Möglichen. Worin also könnte der Sinn einer Neuverfilmung begründet liegen?

Erstmals findet in der aktuellen Version die Handlung in Deutschland statt. Das bedeutungsträchtige Setting hätte Grundlage dafür sein können, das Thema einmal aus einer völlig anderen Perspektive zu beleuchten. Aber als wäre in diesem Land die Wirkung des Experiments nicht von hinreichender Aussagekraft, polierte man das Remake der »Welle« weiter großzügig auf: »Pimp My Screenplay« sozusagen. Jürgen Vogel spielt den rebellischen Lehrer Rainer Wenger, der von seinen Schülern vorzugsweise geduzt wird und irgendwie den Eindruck vermittelt, als hätte er weniger Bock auf die Schule als die ihm Anvertrauten. Erst mit Beginn des Experiments fängt er Feuer. Ein bißchen Graffiti-Schmiererei, eine Prise Jugendkriminalität, coole Sprüche und ein echter Showdown sollen dem Remake wohl Aktualität verleihen, wirken jedoch leider gezwungen und verkrampft. An einigen Stellen wird derart dick aufgetragen, daß leider jeder Dramatik die Grundlage entzogen wird und nur ein befreiendes Lachen dem Zuschauer Erleichterung verschafft. »Viel hilft viel« ging eben noch nie auf. Betrachten wir die aktuelle Version doch einfach als ein Steinchen im großen Mosaik – vielleicht sieht man sich in zwanzig Jahren wieder, wenn mal wieder jemand meint, es sei Zeit, den Stoff neu aufzurollen. 2008-03-11 17:34

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap