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Love and other disasters

F/GB 2006. R,B: Alek Keshishian. K: Pierre Morel. S: Nick Arthurs. M: Alexandre Azaria. P: Europa Corp., Ruby Films, Skyline Films. D: Brittany Murphy, Matthew Rhys, Santiago Cabrera u.a.
90 Min. 3L ab 13.3.08

Das Gespenst der Postmoderne

Von Daniel Bickermann Die Postmoderne verlangt den Filmemachern so einige Verrenkungen ab, wie es scheint. Alek Keshishian gibt zu Protokoll, er habe mit seinem ersten Spielfilm nach 12 Jahren »leichte, eskapistische Komödienunterhaltung« drehen wollen, die allerdings »immer wieder die eigenen Klischees und Künstlichkeit aufdeckt«. Die Unterschätzung der Leichtigkeit und Abneigung gegen das eigene Genre, die in solchen Statements durchscheint, mal beiseite: Es ist eine ebenso interessante wie exemplarische Reise, auf die sich der Regisseur hier begibt. Viele der hyperreflektierten Fußfallen, in die er im Laufe dieses Films tappen wird, stehen stellvertretend für die Mißverständnisse aktueller Filmproduktionen angesichts eines zunehmend medienkompetenten Publikums. Love and Other Disasters zeigt vor allem, was dabei herauskommt, wenn man kein Drehbuch hat, das dieser innovativen Aufgabenstellung gewachsen ist: eine lauwarme Geschlechterkomödie.

Wie kommt es zu diesem klaffenden Kontrast zwischen Zielsetzung und Wirklichkeit? Zum einen ist Keshishians Drehbuch auch als reine romantische Komödie nur halb so spritzig und schlagfertig, wie es glaubt: Zu viele platte Floskeln verpuffen, zu viel Streichermusik und zu viele altbackene Pointen werden bemüht, um fehlende Emotion und Komik zu erzeugen; und vor allem ist zu wenig echter Konflikt in dem altbekannten »schwul oder nicht«-Plot angelegt, dessen Grundmißverständnis im realen Leben nach fünf Minuten geklärt gewesen wäre.

Interessanter sind Keshishians Versuche eines selbstreflexiven Drehbuchs, die aber leider reichlich halbherzig ausfallen: Neben ein paar willkürlich anmutenden, eingeblendeten Drehbuch-Schriftzügen, einigen Erzählungen in die Kamera und einer Handvoll »Wenn das jetzt ein Film wäre«-Sprüchen gibt es nur einen einzigen (und sofort wieder abgebrochenen) Versuch tatsächlicher inszenatorischen Kommentierung durch extradiegetische Mittel (hier: Musik) – und das ist einfach zu wenig.

Noch schlimmer: Die eingebaute Selbstreflexivität wird als Originalitätsbremse benutzt, indem (ebenfalls ein exemplarischer Fehler vieler aktueller Filme wie Schräger als Fiktion) ein bewußt kitschiges Happy End durch ein ebenso märchenhaftes Film-im-Film-Happy End gerechtfertigt wird, für das die Figuren nochmal schnell die filmwirtschaftliche Notwendigkeit solcher Eskapismus-Fantasien ausdiskutieren können. Diese Taktik muß bei beiden Zielgruppen nach hinten losgehen: Der denkende Zuschauer wundert sich, daß der Autor seine eigene Vorgehensweise als billigen Hollywood-Populismus anprangert, nur um sie dann selbst zu bedienen; gleichzeitig fühlt sich das eskapismusbedürftige Publikum durch soviel Besserwisserei nicht mehr ernstgenommen. Die Erkenntnis des Klischees ist nicht genug, der Hinweis darauf sogar kontraproduktiv – erst das beherzte Eingreifen in die offenbar so durchschaubare Dramaturgie macht den großen Filmemacher: Hier könnte mancher aktueller Drehbuchautor von Robert Altmans The Player lernen (oder von all den reflexiven Woody-Allen Filmen, von Stardust Memories über Der Stadtneurotiker bis zu Harry außer sich): Auch hier stellen die Protagonisten ein fiktives Happy End her, die realen Tristesse wird dagegen aber deutlich abgegrenzt. Man kann nichts vortäuschen, was man gerade noch entzaubert hat.

Die Schauspieler helfen Keshishian leider auch nicht weiter: Brittany Murphy versucht sich als natürliches Mädchen von nebenan, kommt aber nie aus ihrem gekünstelten Minikleid-Stöckelschuh-Gang heraus; selbst in privaten Szenen wirken ihre Haltungen wie Modeposen, das längst ikonisierte Vorbild Audrey Hepburn läßt ihr keine Luft zum Atmen. Daneben versucht sich Matthew Rhys als wissender romantischer Tropf, bleibt aber genauso wie die Schar vorbeiziehender Liebhaber ebenso gutaussehend wie blaß. Einzig Catherine Tate als fleischgewordene High-Society-Neurose findet in ihrer Rolle echte Komik und Sympathie.

Selbst die Stadt London, aus nicht näher erklärten Gründen als prominenter Schauplatz gewählt, verweigert sich dem Glamour. Im Gegensatz zu den schillernden Versprechen, die New York für Frühstück bei Tiffany’s oder Paris für Die fabelhafte Welt der Amélie auf die Leinwand brachten, bietet die alte Dame von der Themse eine sprödere Schönheit, die das Filmteam vergeblich in den eher unspektakulären Hafenhäusern sucht und die sich auch beim Abfilmen der fünften Backsteinfassade nicht so recht auf den Zuschauer übertragen will.

Letztlich aber scheitert Love and Other Disasters vor allem am zu ängstlichen Versuch, die Form zu brechen. Die spielerischen Fantasie-Sequenzen, mit denen die absurden Vorgaben des Genres bloßgestellt werden soll, unterscheiden sich erschreckend wenig von der Realität des Films, in dem Figuren plötzlich Tango tanzen können wie die Weltmeister und zu dramaturgisch passenden Momenten heiraten müssen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu kriegen. Und das ist dann weder ironisch noch clever, das ist einfach nur schlechtes Drehbuchschreiben. 2008-03-10 16:06
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