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Lars und die Frauen

Lars and the Real Girl. USA 2007. R: Craig Gillespie. B: Nancy Oliver. K: Adam Kimmel. S: Tatiana S. Riegel. M: David Torn. P: Sidney Kimmel Entertainment. D: Ryan Gosling, Emily Mortimer, Paul Schneider u.a.
107 Min. Central ab 13.3.08

Gefühlsecht

Von Lena Werle Die ehemalige Missionarin Bianca ist halb Brasilianerin, halb Dänin und sitzt im Rollstuhl. Sie liebt Kinder, ist ausgebildete Krankenschwester und hat zudem eine Topfigur. Als wären diese Attribute nicht schon Anlaß genug, sie als außergewöhnlich zu beschreiben, hebt Bianca ein weiteres entscheidendes Merkmal von ihren weiblichen Konkurrentinnen ab: Sie besteht aus gefühlsechtem Gummi. In einer mannshohen Holzkiste wird sie in die verschneite kleinstädtische, mittelamerikanische Provinz zu ihrem neuen Besitzer Lars geliefert, der sie fortan seinem irritierten Bruder und dessen hochschwangeren Frau, sowie den restlichen Dorfbewohnern als seine neue Freundin vorstellt. Die anfänglich aufkeimende Freude, daß der nach dem Tod seiner Eltern zurückgezogen lebende Lars nun endlich wieder soziale Kontakte pflege und aus seinem selbst errichteten Schneckenhaus gekrochen käme, zerschlägt sich mit einem Mal, als er mit Bianca zum gemeinsamen Abendessen erscheint. Nach ärztlichem Rat bleibt den zunächst verstörten Anverwandten und Freunden keine andere Wahl, als Lars in seiner Wahnvorstellung zu bestärken und Bianca als gleichwertiges Wesen zu akzeptieren – nur so könne ihm geholfen werden. Bianca wird zu Geburtstagen und zum Essen eingeladen, erhält einen Job als Kindergärtnerin, ihr werden die Haare geschnitten und sie kommt mit zum sonntäglichen Gottesdienst. Bereitwillig spielt das ganze Dorf mit.

Der für einen Drehbuch-Oscar nominierte Spielfilm von Craig Gillespie schreit im Vorfeld gerade zu danach, eine wenig sehenswerte, platte Komödie mit voraussehbaren Lachern zu werden, doch schafft Gillespie es tatsächlich, eine bewegende Geschichte von Einsamkeit und Berührungsangst zu erzählen, die zu jeder Zeit getragen wird von einem herausragenden Ryan Gosling als Sonderling Lars Lindstrom. Die Momente tragischer und komischer Tiefe scheinen so geschickt gesät, daß nach wenigen Minuten vergessen scheint, es hier nur mit einem billigen Sexspielzeug zu tun zu haben, welches für einen offensichtlich verwirrten jungen Mann zum Liebesobjekt und damit gleichzeitig zum Schlüssel zur Welt wird. Denn erst durch Bianca findet Lars wieder Anschluß an seine Mitmenschen, werden Partys wieder zum Vergnügen statt zur Qual, kann er sich wieder frei und ohne Beklemmungen in seinem Elternhaus bewegen.

Gerade das scheint der einfachste und gleichzeitig klügste Kniff des Films zu sein: Das Drehbuch zeichnet jeden einzelnen Charakter so liebevoll feinfühlig, daß man bereits nach wenigen Augenblicken bereit ist, sich auf das Spiel einzulassen; und Gosling beherrscht die Rolle des neurotischen Misanthropen so gekonnt, daß zu keiner Zeit an der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle für Bianca gezweifelt wird. Er glaubt an sie, und das genügt. Man beobachtet Lars gespannt und voller Sorge, schmunzelt über Dialoge – die zugegebenermaßen ziemlich einseitig ausfallen – und bekommt tatsächlich ein wenig Schluckbeschwerden, als er sich schlußendlich dazu entscheidet, sich von Bianca zu trennen. Wie schön, daß wieder einmal ein Film beweist, daß auch eine im Vorfeld wenig ansprechende Story vor allem dadurch an Größe gewinnt, wie sie erzählt wird. Und geschieht dies auf so wundersam unaufdringliche Weise wie in Lars und die Frauen, möchte man diejenigen bedauern, die nur aufgrund der Synopse und aus Furcht vor schlechten Gags schnell das Weite gesucht haben. 2008-03-15 18:11

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