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Bierbichler

D 2007. R,B: Regina Schilling. K: Johann Feindt. S: Barbara Gies. D: Josef Bierbichler, Herbert Achternbusch, Werner Herzog u.a.
90 Min. RealFiction ab 13.3.08

Der große Spalter

Von Daniel Bickermann Oskar Maria Graf, ein stämmiges Mannsbild, das selbst durch New York noch mit Lederhosen und Gamsbarthut stolzierte, reagierte ganz und gar unerwartet auf Autoritäten. Als ein erfolgloser Kunstmaler und aufstrebender Politiker namens Hitler bei Kaffee und Kuchen den vermeintlichen bayerischen Volksautor für seine Ziele begeistern wollte, hörte Graf den Mann an, ließ dann die Rechnung liegen und tat den berühmten Ausspruch: »Ja, glauben Sie vielleicht, ich hör' mir Ihren Quatsch kostenlos an?!« 1933 schrieb er dann unter dem Titel »Verbrennt mich« aus dem österreichischen Exil einen Protestbrief, in dem er sich beschwerte, daß seine Werke bei der ersten Bücherverbrennung an der Münchner Uni nicht mit im Feuer landeten – er sollte seinen Willen bekommen. Sechzig Jahre CSU-Herrschaft mögen es überdeckt haben, aber die wildesten deutschen Anarchisten kamen schon immer aus Bayern.

Vielleicht, weil es in München immer wieder so einfach ist, ordentlich Skandal zu machen, wie Sepp Bierbichler nachdenklich bemerkt. 1985 fiel er auf offener Theaterbühne in Achternbuschs »Gustl«-Monolog aus seiner Rolle und erklärte, er würde übrigens den letzten Terroristen dem ersten von der CSU vorziehen. Da war dann mal wieder was los in der Landeshauptstadt. In seiner Haßliebe mit Achternbusch haben sich sowieso zwei wahnsinnige Originale getroffen, die den Freistaat ordentlich aufmischten. Beide konnten mit den affektierten Theaterspinnern nichts anfangen, beide kamen aus zutiefst bäuerlichem Hintergrund und wohnten gemeinsam in Ambach am Starnberger See, wo man die Einwohner unterteilt in »die vom Bauernhof« (arm und stehengeblieben), »die am See« (nicht ganz so arm) und »die vom Bahnhof« (nicht ganz so stehengeblieben). Ihre Filme und Theaterstücke, in denen ausgiebig der bayerische Sex diskutiert wurde und holde Mädchen auf der Alm schon mal erschrocken ausriefen: »Hilfe, die Ordnungsmacht will mich schon wieder ficken!«, ließen Bierbichlers Vater schlicht in Tränen ausbrechen und lösten bei den Ambacher Anwohnern Reaktionen aus, die Achternbusch so paraphrasiert: »Jetzt gema nauf und bringma se um.« Daß so einer später bei Kulturberserkern wie Herzog und Schlingensief landet, ist eigentlich nur logisch.

Die Dokumentarfilmerin Regina Schilling hat bei ihrem Schauspielerporträt Glück, auf eine solche Goldgrube an Skurrilitäten und Anekdoten zu stoßen, ansonsten liefe ihr Film Gefahr, in der Harmlosigkeit steckenzubleiben. So erst kürzlich geschehen bei Norbert Wiedmers Bruno Ganz – Behind Me: Auch dort überließ man dem Protagonisten streckenweise die Kamera, auch dort konnte man einer vielseitigen Film- und Bühnenkarriere nicht gerecht werden. Schilling bleibt inszenatorisch noch nüchterner als Wiedmer, der Film besteht ausschließlich aus Talking Heads und Archivaufnahmen; dafür ist ihr Protagonist, durchaus überraschend für das eigentlich so verschlossene Schauspielgenie Bierbichler, zugänglicher als der ständig ausweichende, ungreifbare Bruno Ganz. Auch wenn Bierbichler manche Frage einfach fortwischt (wie jene nach dem Bruch mit Achternbusch) und sich nur mit Widerwillen in die Vergangenheit begibt, gelingen Schilling doch Aufnahmen von großer Intimität, gerade in Bierbichlers ländlicher Umgebung. Wenn dieser »Findlingsfelsen« (Zitat Herzog) im Wald Holz hackt, mit kräftigen Schlägen Keile in die Stämme treibt und sie anschließend mit großen Äxten spaltet, steht ein Ausdruck beinahe kindlicher Zufriedenheit in seinem sonst so schweren, groben Gesicht.

Sicher finden sich auch düstere Momente im Film, wie die Erinnerung an den kürzlichen Tod der Schwester und den darauf folgenden Abschied vom Theaterleben. Aber Bierbichler, daran läßt der Film keinen Zweifel, ist zu sehr Schalk und Spinner, um wirklich zu resignieren. Die den Film abschließende Frage nach seinem größten Kunstwerk ruft eine stolze Erinnerung wach, von einer verrichteten Notdurft auf dem zugefrorenen See und einem daraus resultierenden Riß im Eis, der »bis nach Bernried reichte«. Nach einigem nachdenken bemerkt der Schauspieler: »Aber ob das ein Kunstwerk war, weiß ich nicht.« Das Mantra, das sich Bierbichler vor seinem Regiedebüt in Berlin vorsagt, gilt in seiner Fröhlichkeit für den ganzen Film und für alle bayerischen Anarchisten: »Wahrscheinlich wird's nur peinlich. Macht aber nix.« 2008-03-11 17:36
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