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Im Tal von Elah

In the Valley of Elah. USA 2007. R,B: Paul Haggis. K: Roger Deakins. S: Jo Francis. M: Mark Isham. P: Blackfriars Bridge Films. D: Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon u.a.
121 Min. Concorde ab 6.3.08

Westernland ist ausgebrannt

Von Tamara Danicic An die viertausend amerikanische Soldaten haben dem Iraq Coalition Casualty Count zufolge bisher im Irak ihr Leben gelassen. Die psychischen und moralischen Verheerungen, die der Krieg bei den Überlebenden wie auch bei ihren Angehörigen angerichtet hat, tauchen in solchen Statistiken jedoch nicht auf. Genau darum aber geht es in Im Tal von Elah. Von einem Artikel inspiriert, der 2004 im »Playboy« erschien, begibt sich Haggis mitten ins amerikanische Postkriegstrauma – ohne zu riskieren, damit die Nation zu spalten. Denn Kriegskritik ist mittlerweile auch in Suburbia mehrheitsfähig geworden.

Als der frisch aus dem Irak zurückgekehrte junge Soldat Mike Deerfield als vermißt gemeldet wird, nimmt sein Vater Hank, ein ehemaliger Militärpolizist, die Suche nach ihm auf: »That just doesn’t sound like my boy.« Sich einfach aus dem Staub machen – so etwas würde der Sohn des Vietnamveteranen niemals tun. In Mikes Militärcamp in New Mexico stößt Hank allerdings auf eine Mauer des Schweigens und Desinteresses. Doch der harte Hund Hank, den Tommy Lee Jones mit stoischer Würde ausstattet, läßt nicht locker, auch als kein Zweifel mehr daran besteht, daß Mike tot, seine Leiche zerstückelt und verbrannt worden ist. Schützenhilfe bei der Suche nach der Wahrheit bekommt er durch die alleinerziehende Mutter Detective Emily Sanders, die sich ihm zunächst nur widerwillig anschließt. Am Ende hat Hank zwar einen Täter, doch seinen Glauben an die Welt verloren.

Mag die Geschichte sich auch streckenweise in einem etwas enttäuschenden – weil allzu offensichtlich falsche Spuren auslegenden – Whodunnit verfangen, schürft sie zum Glück tiefer. Denn im Grunde genommen hat Haggis mit Im Tal von Elah nichts weniger als die Archetypen der amerikanischen Western-Mythologie im Visier und in Hank Deerfield seinen wortkargen Loner. Mag die magische Frontier, die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, in Zeiten globalisierter Kriege auch geographisch in den Nahen Osten (ausgerechnet in die Wiege der Zivilisation!) verlagert worden sein, so hat sie sich psychologisch längst bis in die Herzen der Soldaten vorgearbeitet. Damit geht einher, daß sich auch die regenerative Gewalt (die einst der Stärkung der Guten diente) verselbständigt hat. Vor lauter Unübersichtlichkeit scheint sie nicht mehr zu wissen, wohin sich richten. Wenn Mikes Kamerad Gordon Bonner zu dem Schluß kommt, daß man keine Helden in den Irak schicken sollte, dann deshalb, weil er aus eigener Erfahrung weiß, daß es praktisch unmöglich ist, in diesem Krieg moralischer Held zu bleiben. Entsprechend ist auch die Frontlinie im symbolischen Tal – der Filmtitel spielt auf die Geschichte von David und Goliath an – keineswegs mehr eindeutig. Wo in der Bibel der tapfere Steinschleuderwerfer David mit Gottes Hilfe gegen den Vertreter der raubenden und mordenden Philister antrat, sind die moralischen Kategorien bei Haggis ins Wanken geraten.

Dafür findet sein Kameramann Roger Deakins eine überzeugende Bildästhetik. Abgesehen von den ausgeblichenen Widescreen-Bildern, in denen der Abgesang auf den American Dream gefeiert wird, bleiben vor allem die immer wieder abreißenden Aufnahmen von Mikes Handy im Gedächtnis. Trotz ihrer Unschärfe und teilweisen Unkenntlichkeit dokumentieren sie das allgemeine Chaos und die Verwirrung der Soldaten. Nachdem Hank das Mobiltelefon seines Sohnes heimlich an sich genommen hat, beauftragt er einen Hacker, ihm die (durch Hitzeeinwirkung stark beschädigten) Videoclips, von denen er sich Aufklärung erhofft, portionsweise zuzuschicken. So wenig man wirklich etwas erkennen und in einen logischen Zusammenhang bringen kann, so sehr begreift man das Essentielle. Nämlich die Erkenntnis, die ein Soldat in dem amerikanischen Dokumentarfilm Gunner Palace (2004) mit den Worten formuliert: »I don‘t think […] anywhere in history has someone killed someone else and something better has come out of it. It’s just […] not possible.«

Schade nur, daß Haggis zwei Versuchungen nicht widerstehen kann: der Symbolkraft der Schlußszene, in der der vom Glauben abgefallene gefallene Patriot Hank die amerikanische Flagge verkehrt herum hißt, und der Wirkung einer allzu schnell schmeckenden Filmmusik. 2008-02-28 14:52

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