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Tehilim

F/IL/USA 2007. R,B: Raphaël Nadjari. B: Vincent Poymiro. K: Laurent Brunet. S: Sean Foley. M: Nathaniel Mechaly. P: BVNG Productions, Transfax Film Productions. D: Michael Moshonov, Limor Goldstein, Yonathan Alster u.a.
96 Min. Mec Film ab 6.3.08

Für sich allein

Von Tamar Noort Gibt es eine Steigerung von allein? Sprachlich nicht, sie macht ja auch keinen Sinn. Emotional durchaus. Gefühltes Alleinsein hat schließlich Nuancen. Es kann schimmern und süß gewogen werden wie ein soeben entdecktes Geheimnis, vom Halbwüchsigen gefeiert als Weg, sich endlich von den Eltern abzunabeln. Gefühltes Alleinsein reißt aber auch Wunden, wird zum inneren Schrei, verwandelt sich in überherrschende Sehnsucht.

Die Figuren in Rafael Nadjaris Film sind nie im Wortsinn allein. Sie sind zusammen unterwegs, essen gemeinsam, begehen mit der Familie den Sabbat. Und doch wird das Alleinsein für sie zum Lebensinhalt, als Eli nach einem Unfall verschwindet und jede Spur fehlt. Ob als Ehemann, als Vater, als Bruder oder als Sohn, Eli Frankel zwängt den Zurückgelassenen das Alleinsein, das Ohne-Ihn-Sein, auf. Der Film zeigt eine Familie, in der jeder auf seine eigene Art verzweifelt versucht, das Alleinsein auszuhalten, und doch in wenigen, stillen Momenten daran zu zerbrechen droht.

Was tatsächlich mit Eli passiert ist, warum er nicht mehr da ist – das blendet Rafael Nadjari aus. Seine Figuren ergründen nicht, was mit dem vermißten Menschen passiert ist. Sie akzeptieren die Gegenwart wie sie ist und erarbeiten Strategien, ihr Alleinsein zu verkraften – auf der Grundlage dessen, was sie gemein haben: ihre Religion. Doch die religiösen Pfade, die Nadjaris Figuren beschreiten, gehen mehr und mehr auseinander.

Eine jede Religion zieht ihre Existenzberechtigung aus der Tatsache, daß sie Menschen verbindet – durch die Zeit, anhand einer überlieferten Tradition und konkret in der Gegenwart als identitätstiftendes Merkmal einer Gruppe. Äußerlich sichtbar wird das Gemeinsame der praktizierten Religion in den Ritualen, die jede Gemeinschaft zusammen ausübt. Rafael Nadjari wirft indes die Frage auf, ob die individuelle Auslegung des gemeinschaftlich erlebten Glaubens erlaubt ist oder nicht. Elis Vater und Bruder wünschen sich, daß die Familie zusammen betet und auf Elis Rückkehr wartet. Alma, Elis Frau, kann das innere Alleinsein nur mit äußerem Alleinsein betäuben. Menachem und David, die beiden Söhne, legen hingegen eine ganz eigene Interpretation der Lehren der Thora an den Tag, um das Alleinsein zu verkraften. Damit stellt Nadjari Fragen nach der praktischen Auslegung des Judentums – doch er zeigt auch allgemeingültige Zusammenhänge auf zwischen Individuum und (Glaubens-)Gemeinschaft. Darf sich ein Christ, ein Moslem, ein Hindu oder eben ein Jude heute eine individuelle Interpretation des gemeinsamen Glaubens erlauben? Oder droht ihm dann der Ausschluß aus der Gemeinschaft und damit das Alleinsein? Indem die Familie Frankel ihre Verlassenheit mit religiösen Strategien bekämpft, arbeitet sie mit aller Kraft an der Wiederherstellung der verletzten Glaubensgemeinschaft. Eines ihrer Mitglieder ist aus der Reihe getanzt – doch das darf die Gemeinschaft nicht schwächen. Die Glaubensgemeinschaft, so suggeriert Nadjari, funktioniert also nur, wenn ihre Mitglieder bereit sind, ein Stück ihrer Individualität preiszugeben. Wirklich allein ist eben nur der, der es wagt, für sich allein zu sein. 2008-03-06 11:12
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