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Kirschblüten – Hanami

D 2007. R,B: Doris Dörrie. K: Hanno Lentz. S: Inez Regnier, Frank Müller. M: Claus Bantzer. P: Olga Film. D: Elmar Wepper, Hannelore Elsner, Nadja Uhl u.a.
121 Min. Majestic ab 6.3.08

Die Renitenz des Kleinbürgers

Von Mark Stöhr Neulich erzählte Elmar Wepper in einem Interview, wie ein Tag bei ihm beginnt. Frühstücken mit seiner Frau, mit einer Tasse Tee, einem Ei, zwei Brotsorten. Dazu die Zeitung, erst der Politikteil, dann das Lokale. Danach geht er in den Garten, zerteilt eine Staude und versetzt eine Hecke. Ein ruhiges Leben. Den Jetset hat er zeitlebens seinem Bruder überlassen. Vom Golfplatz in Florida direkt zum Drehen in München. Elmar Wepper hat immer dort gezaudert, wo der andere die Posaune auspackte und sogar einen Kurzaustrip nach Hollywood wagte. Karriere hat er trotzdem gemacht, im Fernsehen, wo er in unzähligen Serien mal den freundlichen Charmeur, mal den selten unfreundlichen Ermittler gab. Die Verbindlichkeit in Person. Bisher war Elmar Wepper immer zu Gast bei uns im Wohnzimmer, nun sind wir zu Gast bei ihm – im Kino. Das ist erst komisch und schnell ein wunderbares Schauspiel. Dank und trotz Doris Dörrie.

Die Dörrie stand in den letzten Jahren für veganes Kino. Ihre Geschichten gruppierten sich um fernöstliche Erleuchtungsphantasien, die mehr der Selbst- als der Bildfindung dienten. Das ist in Kirschblüten – Hanami nicht anders. Aber hier nun hat sie in Elmar Wepper einen Gegenpart, der ihren Meditationskitsch auf den Boden zurückholt und in eine erzählerische Konsequenz bringt. So kann es gehen: Rudi, der Beamte vom Abfallsamt, verliert überraschend seine Frau und verläßt sein bayerisches Dorf. Einer der Söhne wohnt in Tokio, wo Trudi, Rudis Frau, immer hinwollte und aus Rücksicht auf ihren Mann nie hinkam. Trudis große Leidenschaft war der Butohtanz, Rudi war das immer ein bißchen peinlich. Nun sitzt er in Tokio und weiß noch gar nicht, was er da soll.

Mit Rudi und Elmar Wepper durch den japanischen Moloch. Selten waren ein Schauspieler und seine Figur so nah beieinander. Die Fremdheit und das Erstaunen von Rudi in diesem urbanen Labyrinth, das das Labyrinth seiner Trauer ist, ist auch die von Wepper, so scheint es. Wie er betrunken in den Händen von zwei Huren landet und nicht glauben mag, was da vorsichgeht. Oder wie er die Kleider seiner Frau unter den Mantel zieht und ihn wie ein Exhibitionist immer wieder öffnet, um ihr die Stadt ihrer Träume zu zeigen. Da schon beginnt sich Rudi in Trudi zu verwandeln, und Elmar Wepper legt jede Scheu ab und riskiert den Sprung in die große Charakterrolle.

Es ist Vieles zu viel in diesem Film. Das ist Doris Dörrie. Ein bißchen hat ihre Kinematographie etwas von Butoh, dieser in der Nachkriegszeit entstandenen Tanzform, bei der der Körper ganz von den Imaginationen des Tänzers bewegt und geführt wird. Man wünschte sich eine strengere Choreographie, die das bisweilen Überbordende der Dörrieschen Gefühlig- und Spleenigkeit eingrenzt. Vielleicht hätte die Dörrie ihren Film auch einfach so machen sollen, wie Rudi am Ende den Butoh tanzt: mit der ganzen Unsicherheit, Ungelenkigkeit und Renitenz des Kleinbürgers, der seinen Imaginationen mehr mißtraut, als ihnen blind zu folgen. 2008-03-05 12:50

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