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No Country for Old Men

USA 2007. R,B: Ethan Coen, Joel Coen. K: Roger Deakins. S: Roderick Jaynes. M: Carter Burwell. P: Miramax Films, Scott Rudin Productions, Paramount Vantage. D: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin u.a.
122 Min. Universal ab 28.2.08

Tötet die Alten, foltert ihre Jungen

Von Daniel Bickermann Die Welt taumelt abwärts. Ed Tom Bell, ein faltiger, melancholisch gewordener Sheriff erzählt seinem etwas tapsigen Assistenten Wendell die Geschichte eines Ehepaares, das alte Menschen einlud, gefangennahm, zu Tode folterte und dann die Sozialhilfeschecks für sie abholte. Warum sie ihre Opfer noch folterten, das sei nicht ganz klar gewesen, wundert sich der Sheriff, »wahrscheinlich kam einfach nichts Gutes im Fernsehen«. Die Sache wäre erst aufgeflogen, als eines ihrer Opfer schreiend aus dem Haus rannte, bekleidet nur mit einem Hundehalsband. Die frischen Gräber im Garten wären nie jemandem aufgefallen und die Schreie auch nicht, es brauchte schon einen nackten Mann mit Hundehalsband. Angesichts der absurden Situation kichert Wendell, beherrscht sich aber sofort und schaut schuldbewußt den Sheriff an. Dieser erwidert ohne jede Gesichtsregung: »Ist schon okay. Ich lache auch manchmal.«

Der neue Coen-Film, der die Wucht und die Herrlichkeit eines echten Meisterwerkes mitbringt, spielt so erbarmungslos mit der Lächerlichkeit des Bösen wie zuletzt nur ihr staubtrockenes Regiedebüt Blood Simple. Genau wie Wendell ertappt man sich in den gräßlichsten Momenten beim Kichern und weiß später nicht mehr genau, warum. Vielleicht, weil es so lachhaft kleine Momente sind, die zwischen Leben und Tod entscheiden; vielleicht, weil man manchmal einfach lachen muß, um nicht den Verstand zu verlieren. In diesem Sinne ist No Country for Old Men ein gnadenloser Film geworden, in seiner Schonungslosigkeit gegen die Zuschauererwartungen von ungeahnter Brutalität. Hier werden Erzählstränge abrupt gewechselt, manche Protagonisten bleiben früh und völlig unerwartet auf der Strecke, andere finden bis zum Schluß nicht in die eigentliche Handlung hinein.

Ähnlich wie in A History of Violence ist es also weniger die Darstellung der Gewalt, die die eindrückliche und lange anhaltende Wirkung des Films ausmacht, sondern die Attitüde, die dahintersteht. Die Coens greifen Krimi-Klischees auf und verdrehen sie bis zum Bruch jeglicher Erwartung. Diese archetypischen Handlungsfäden (der eiskalte Killer, der aufrechte Familienmensch, der lebenskluge Sheriff) sind so eingebrannt ins Genre, daß ihre konsequente Nichtbeachtung durch die Coens selbst erfahrene Filmfreunde immer wieder auf dem falschen Fuß erwischt – genau wie damals bei Cronenberg.

Wie sein Protagonist arbeitet auch der Film quasi mit Schalldämpfer: Zwar wird in den Credits der brillante Carter Burwell (der seit Jahrzehnten auf die verdiente Anerkennung wartet) als Komponist genannt – allerdings hört man von ihm dieses Mal keine einzige Note. Nur besonders aufmerksame Zuschauer werden in gerade mal einer Handvoll Szenen einen leise untermalenden Klangteppich bemerken, nicht mehr als Klimpern und Zischen, kaum wahrnehmbar über dem Windpfeifen, Grillenzirpen und Windradquietschen der texanischen Wüste, das an die ähnlich desillusionierte Westerngeräusche Leones und Morricones erinnert. Der Rest des Films spielt sich in grausiger Stille ab. Der unbestechliche Roger Deakins komponiert dazu aus dem offenen Gelände agoraphobische Bilder der Hoffnungslosigkeit – es gibt keine Deckung, keinen Fluchtpunkt, nur Leere.

Natürlich geht immer etwas schief, von der chaotischen Überforderung ihrer Figuren lebt der Charme der Coen-Filme – aber selten ging so viel so grauenhaft schief wie hier. Cormac McCarthys zugrundeliegender Roman folgt einer dürrenmattesken Konsequenz, der sich keine der Figuren entziehen kann. Das Grauen kommt vor allem in Gestalt des Auftragskillers Anton Chigurh (schockierend kalt gespielt von Javier Bardem), dessen absurde Heintje-Frisur so gar nicht zu seiner glupschäugigen Mordlust passen mag. Daß er eine Druckluftpistole verwendet, wie sie beim Töten von Rindern eingesetzt wird, darf durchaus symbolisch gesehen werden – dieser Mann ist ein Schlächter in jedem Wortsinn, und seine Indifferenz gegenüber menschlichem Leben ist gespenstisch. Ihm gegenüber stehen ein erstaunlich patenter Jäger, ein prahlerischer Arbeitskollege und besagter Altsheriff – und doch ist sehr früh klar, daß in dieser Welt keine Erlösung mehr zu finden ist – für niemanden. 2008-02-25 13:46

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